Von Fritz J. Raddatz

Haut unter dem Mikroskop, das weiß man, sieht gräßlich aus: Schründe, Krater, Riffe, Borsten; und bleibt doch ein Stück vom Menschen. Nahe gebracht, wirkt er fern gerückt. Der Mensch im Detail ist scheinbar unmenschlich, seine Handlungen – oder Handlungsverweigerungen – sind Äußerung eines Zustands. Insofern hat das winzigste Partikel einer Aktion die Kraft der Verdeutlichung. Von dieser Deutlichkeit lebt Literatur – lebt, wie seine früheren Arbeiten, auch das neue Buch von –

Bodo Kirchhoff: "Die Einsamkeit der Haut", Prosa; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 1981; 100 S., 17,80 DM.

Es ist ein erschreckender Prosa-Essay, eine Studie von Kälte: Gänge durch Main-hattan, wie Frankfurt genannt wird, durch Puffs und Peepshows und Tineff-Bars. Wie bei Hubert Fichtes sehr zögernden Annäherungen an die Wirklichkeit oder bei Botho Strauß Momentaufnahmen, so erinnert auch bei Bodo Kirchhoff vieles an jene französische Literatur, die essayistischen und erzählerischen Gestus verbindet: Bataille, Lacan, Leiris.

Das Nicht-Vorhandensein von Tabus darf dabei nicht mit Schamlosigkeit, die sezierende Präzision nicht mit Lakonik verwechselt werden – Bodo Kirchhoff kann die unerhörten Szenen so ohne Larmoyanz einfangen, daß vielleicht ein Schock bleibt; aber nichts Schockierendes. Die Selbstbesichtigung wird nie Selbstbezichtigung – der intime Vorgang ist stets auch Reaktion einer Steuerung von außen, eines Ausgeliefertseins. So heißt ein Prosastück "Im Mittelpunkt des Universums", das mit einer Onanie-Szene endet, deren perfekte Balance zwischen Versunkenheit und Verlorenheit beweist, was der Schriftsteller Bodo Kirchhoff kann.

Weil es (viele) Leute geben mag, die "sowas" der Literatur fernhalten wollen, die das Krude – damit dem Menschen innewohnende – mit billigen Witzchen abtun, naserümpfend wie weiland die braven "Literaturkenner" der SPD, als sie in Gotha den Roman "Mutter Berthe" schmähten, oder kennerisch wie Joyce-Verbieter, sei denen zum Trotz der Schlußabsatz zitiert: "Ich habe es wieder zu mir genommen. Es mit Hilfe eines halbsteifen Fotos, welches mich und meine Mutter zeigt, aufgelesen, mit dem kleinen Finger zusammengeschoben, es abgeleckt und verschluckt. Ich dachte dabei unentwegt an dieses Wrack, das meinen Milchshake aus dem Abfall holte, und das Gefühl von Bestürzung, verschob sich; ich fühlte mich endlich wieder erfüllt, von Ekel zunächst, und etwas später dann auch von Erinnerungsempfindungen. Säuberte mir den Mund, erhob mich und begann zu posen, was ich jetzt immer noch mache. Ich schaue mich an, diesen unglaublichen Körper mit seinen sagenhaften Einzelheiten, und weiß inzwischen mit Bestimmtheit: Jene Angst, die alles begleitet, stammt überhaupt nicht von mir."

Den Literaturjungfern, die das für nicht stubenrein halten, sei in Erinnerung gerufen, wie Inzest oder Fetisch, Orgie oder Mord, Verruchtheit oder suchtvolle Verlorenheit die Jahrtausende hindurch das war, was Schriftsteller bannte, was sie bannten. Kirchhoffs kleine Arbeit ist kein Jahrhundertwerk; aber ich möchte sie schon jetzt, im vorhinein, in Schutz nehmen gegen des Oberlehrers Satz zum "Oedipus": "Wenn Sie schon mit Ihrer Mutter schlafen müssen, dann belästigen Sie bitte Ihre Umwelt nicht mit derlei Unappetitlichkeiten."