Eisige Kälte im Winter und spärliche Wärme im Sommer – dem Rhythmus der arktischen Jahreszeiten ist der Mensch ebenso stark unterworfen wie seine Beute: Robbe und Silberfuchs, Dorsch und Wal. Der Grönländer Thomas Frederiksen führte von 1955 – damals war er sechzehn Jahre alt – bis 1964 Tagebuch. Wie seine Vorfahren war er Jäger und Fischer. Die Erlebnisse und die Sagen seines Volkes schrieb er in ein altes Schulheft. Er ergänzte sie mit farbigen, phantasievollen Zeichnungen.

Thomas Frederiksen, den seine Leute Tûma nennen, berichtet von der Jagd auf Rentiere und weißen Wal, vom Fischfang und vom Bootsverkauf. Er schildert das Brauchtum und die Feste in seinem Dorf, aber auch den Einbruch der Zivilisation in seine Welt. Heute könnte Tûma sein Tagebuch wohl kaum noch in dieser Form schreiben und zeichnen. So ist sein Bericht ein Dokument aus einer vergangenen Zeit, in der sich die Menschen in Grönland in ihre Umwelt einfügten, eine Umwelt, von der sie lebten, ohne sie zu zerstören.

Die Kräfte der Natur sind für Tûma nie grausam, allenfalls hart. Jeder Veränderung der Umgebung im Wechsel der Jahreszeiten paßt der Grönländer seine Jagdmethoden an. Es ist ein vollkommener Einklang. Frederiksen zeigt aber auch, wie naiv die Menschen dem Fortschritt gegenüberstanden, der fast unbemerkt ihre Lebensweise unterwanderte. Inzwischen ist die Zeit vorbei, in der die Menschen Grönlands alles hatten, was ihr Herz begehrte, weil es nicht alles auf einmal begehrte. Frederiksens Tagebuch macht betroffen. M. L.

Thomas Frederiksen, Grönländisches Tagebuch, Hoffmann und Campe, 152 Seiten, 81 Farbzeichnungen, 36 Mark.