Tokio will auf Bürgerproteste keine Rücksicht mehr nehmen

Von Helmut Becker

Yoshihiko Morozumi, Präsident von Japans halbstaatlicher Elektrizitäts-Entwicklungsgesellschaft EPDC, braucht einen Erben. Wer, so fragt er, wird einmal "die Position des Erdöls als Hauptenergielieferant" Nippons einnehmen? Morozumi braucht sich um das energiepolitische Testament Japans kaum zu sorgen. Die Tokioter Regierung hat im Dezember den Erbfolger des Erdöls schon bestimmt: die Kernenergie.

Der Atomfahrplan des japanischen Kabinetts ist eindrucksvoll. Gegenwärtig sind in Japan 23 Nuklearkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 16 000 Megawatt im kommerziellen Einsatz. Sie können, wenn sie programmgemäß funktionieren, zwölf Prozent des nationalen Elektrizitätsbedarfs decken. Damit haben weltweit lediglich die Vereinigten Staaten mehr Kernkraftkapazität als Japan. Bis 1986 sollen weitere 14 geplante oder im Bau befindliche Kernkraftstationen den Betrieb aufnehmen. Dann würde die nationale Atomstromkapazität auf 27 000 Megawatt steigen und 23 Prozent des Strombedarfs decken.

In der folgenden Fünfjahresperiode bis 1991 sollen noch einmal 23 Kernreaktoren eingeweiht werden, die zusätzlich mindestens 23 000 Megawatt in Nippons Stromverbund speisen. Präsident Morozumi frohlockt schon: "In diesen zehn Jahren werden wir unsere Ölimportabhängigkeit von gegenwärtig 75 Prozent des primären und sekundären Energiebedarfs, auf 50 Prozent reduziert haben."

Eines bedeutet Nippons Atomfahrplan allerdings nicht: weniger Ölimporte. 1991 muß Japan planungsgemäß 6,3 Millionen Faß Rohöl täglich einführen, eine Million Faß mehr als voraussichtlich im laufenden Jahr. Denn Japan setzt auf neue Energien nur zur Deckung des vorgesehenen Mehrbedarfs und zur Wachstumssicherung, nicht aber zur Drosselung der Ölimporte. Wenn 1991 Erdöl 50 Prozent des Nationalen Energiebedarfs decken soll, wird Kohle 17,6 Prozent beisteuern und die Kernenergie 10,9 Prozent. Der Rest entfällt auf Erdgas, Wasser- und Geothermalkraftwerke sowie Solarenergie.

Und selbst der Importanteil am gesamten Energiebedarf wird durch die Favorisierung der Kernenergie nicht abgebaut, sondern erweitert werden. Mußte Nippon 1980 rund 88 Prozent seiner Energie aus dem Ausland beziehen, so wird sich die Importquote 1991 bei 94 Prozent bewegen und zur Jahrtausendwende gegen 100 Prozent tendieren. Tokios Ministerium für Außenhandel und Industrie (Miti) rechnet vor, daß Nippon 1991 133 000 Tonnen Roh-Uran auf dem Weltmarkt kaufen muß.