In neunzig Tagen um alle Klippen ohne Streiks – mit diesem Wunsch war Polens neuer Ministerpräsident Jaruzelski aufgebrochen. Die Traumreise dauerte nur zwei Wochen. Am Dienstag legte ein erster Warnstreik das Leben in Lodz für eine Stunde lahm. Vorangegangen waren Repressalien gegen Berater und Mitglieder der Solidarnośćc. Druck und Nervosität steigerten sich durch die offizielle Ankündigung, daß die Bruderstaaten in der zweiten Märzhälfte ein Stabsmanöver in und um Polen abhalten werden. Schon in der Vorwoche hatte die gesamte Kreml-Spitze in Moskau Kania und Jaruzelski diktiert, daß sie "Potenzen und Kraft besitzen, den Gang der Ereignisse umzukehren".

Die neuen Spannungen waren zu erwarten. Sie müssen aber nicht zwangsläufig in einer weiteren Konfrontation enden. Die Unduldsamkeit, die der Kreml jetzt demonstriert hat, war er seinen Parteitags-Gästen zum Finale schuldig – denn die meisten standen im Banne Polens. Doch für Offensive ist im Augenblick die diplomatische Offensive gegenüber dem Westen dringlicher als die militärische gegen Polen. Eine globale Sonderordnung der beiden Supermächte erscheint ihm vorrangiger als die totale Unterordnung der polnischen Gewerkschaften. Moskaus martialisch klingende Forderung nach "Umkehr" hat deshalb zunächst nur ein konkretes Nahziel: Warschau soll den außerordentlichen Parteitag verschieben. Wer das reformlose Ritual des sowjetischen Parteitags gerade mitangesehen hat, findet bestätigt; Die wirkliche Zeitbombe unter all den "letzten Fristen" der polnischen Krise war von Beginn an der Warschauer Reformparteitag.

Polens Parteiführung versucht nun, die Gewerkschaftsbewegung von den Dissidenten und von der Partei abzutrennen, damit die Solidarnosc im Kreml entschärft erscheint. Doch die verheerende Wirtschaftslage führt mit jedem Tag drastischer vor Augen, daß nicht "Umkehr", sondern nur die vorsichtige Umsetzung der kreativen Reserven in Reformen noch helfen kann. Eine bescheidene Hoffnung darauf bleibt, solange Breschnjew und Reagan den Dialog suchen.

C. S.-H.