Der deutsche Elektro-Multi Siemens präsentiert sich seinen 400 000 Aktionären auch in diesem Jahr ertragsstark und gut gerüstet für schlechtere Zeiten. Aber in einer wichtigen Sparte steckt er zur Zeit hoffnungslos in den roten Zahlen.

Zum erstenmal nach dem Krieg hält die Siemens AG, drittgrößtes deutsches Industrieunternehmen und Nummer fünf unter den Elektro-Giganten der Welt, in der nächsten Woche ihre ordentliche Hauptversammlung dort ab, wo vor 133 Jahren Werner von Siemens und Johann Georg Halske in einer kleinen Werkstatt die Firma gegründet hatten: in der alten Reichshauptstadt Berlin. Zahlreiche Aktionäre an der Spree freuen sich auf das "Familienfest" im Internationalen Congreß-Centrum.

Auch dem deutschen Konzern weht gegenwärtig im In- und Ausland ein rauherer Wind entgegen. Doch die Siemens-Kapitäne haben sich für die Fahrt durch schwerere See in mustergültiger Weise gewappnet. Die guten Siebziger Jahre hat die Gesellschaft mit ihren fast 32 Milliarden Mark Umsatz und weltweit über 340 000 Beschäftigten genutzt, um hohe Reserven anzusammeln. Was sein Produktspektrum angeht, ist Siemens heute durch kein Elektrounternehmen der Welt zu schlagen. Und erst wenn man es mit dem einst ebenbürtigen Konkurrenten AEG-Telefunken in dessen verzweifelten Kampf um die Existenz vergleicht, dann wird deutlich, wie gut das Siemens-Management in den letzten Jahrzehnten gewirtschaftet hat. Die Politik der Kontinuität und des langen Atems hat sich ausgezahlt.

Wo so viel Licht ist, fällt auch mancher Schatten. "Wir können nicht auf allen Gebieten, auf denen wir tätig sind, auch technologisch Spitzenreiter sein", wehrt der seit Ende Januar amtierende neue Vorstandsvorsitzende Karlheinz Kaske in souveräner Gelassenheit Kritik an Pannen und Versäumnissen ab.

Aber diese schaden nun einmal dem Image des ganzen Hauses – und natürlich auch dem Geschäft. Als vor zwei Jahren Siemens einräumen mußte, daß man bei der Entwicklung des Elektronischen Wählsystems (EWS) für das Telephonnetz der Bundespost zu lange einen falschen Weg eingeschlagen hatte, da gab es einen häßlichen Kratzer auf dem gewohnt makellosen Firmenschild. Der Schock war offenbar heilsam.

Auf einem anderen, nicht weniger zukunftsorientierten Gebiet, in der Datenverarbeitung, macht Siemens leider noch immer nicht die Figur, die man sich von einem vor elektronischem Know-how strotzenden Riesen erwartet. Allzu oft gab es Schlagzeilen, die dem Unternehmen nicht gerade schmeichelten.

Seit zwanzig Jahren probiert Siemens in der Computer-Technik eine Strategie nach der anderen aus, ohne daß bisher der große Durchbruch zur vollen Wettbewerbsfähigkeit und zur nachhaltigen Rentabilität geschafft worden wäre. Als die Franzosen 1975 dem europäischen Dreierbund Unidata den Todesstoß versetzten, da besann sich der deutsche Konzern stolz wie ein Spanier auf die "eigene Kraft" und wagte mit einem neuformierten Unternehmensbereich "Daten- und Informationssysteme" unter neuer, unverbrauchter Leitung den Alleingang.