Essen: "On Kawara"

Im Zentrum der Arbeit des Konzeptkünstlers, dessen Retrospektive auf der Reise von Stockholm nach Osaka in Essen und Eindhoven Station macht, stehen die Datenbilder. Weiß auf monochromem Fond nennen sie den Zeitpunkt ihres Entstehens. Zwar entnimmt On Kawara zu Anfang die Untertitel seiner Zeit-Tafeln häufig den Zeitungsausschnitten, die er in der parallel laufenden Serie "I Read" zusammenstellt, aber die Nachricht vom Tage bleibt eine beliebige Leerformel in dem pedantischen Zählwerk des zeitreisenden Japaners. Da setzt sich nichts fest, da schlägt nichts durch. Wenn der Künstler sich auch selbst zum Gegenstand der Betrachtung nimmt, so reduziert er doch sein Porträt auf ein grobes Raster von Informationen. Telegraphisch übermittelte Erklärungen ("I am still alive"), Hunderte von bunten Ansichtskarten, denen zu entnehmen ist, daß und wann der Adressat an irgendeinem Tag aus dem Bett gefunden hat, lassen die Person zum Stereotyp schrumpfen. Der Sender der gleichförmigen Botschaften befindet sich in ständiger Bewegung. Das Projekt "I Went" macht die täglichen Wege an dem jeweiligen auswechselbaren Aufenthaltsort sichtbar. "I Met" registriert die auswechselbaren Begegnungen. Bei gut über 17 000 Punkten ist On Kawara in seiner Autobiographie mittlerweile angelangt, gelben Tagesmarken, beziehungsweise grünen oder roten für die Tage, an denen ein oder mehrere Bilder entstanden sind. Eine der Übertragung des eigenen Lebenslaufs in das Schema des Kalenders vergleichbare Abstraktionshöhe erreicht bereits das Schlüsselbild "Location" (1965), das durch die Angabe von Längen- und Breitengrad auf einen Punkt in der Sahara hinweist. On Kawaras Ordnungssinn läßt das einzelne nur als Teil des umfassendsten Zusammenhangs gelten. Durch eine kühne Verallgemeinerung wird es ihm möglich, die Geschichte der Menschheit bis zu den Uranfängen auf die verstrichene Zeit hin durchsichtig zu machen. In zehn Bänden zählt er die Jahre von 998031 v. Chr. bis 1969 n. Chr. nach. Und der Gedanke an all das, was das Opus nicht beschreibt, macht schwindeln. "One Million Years – Past" ist der Ausfluß einer Verbundenheit mit jedermann rückwärts bis zu Adam und Eva: "For all those who have lived and died." On Kawara hat eine ausgesprochene Vorliebe für das Große und Ganze in Zeit und Raum. Seine lückenlos leeren Datenfolgen sind Dokumente der Begriffslosigkeit, auch der eigenen. (Museum Folkwang bis 15. März, Katalog 15 Mark). Volker Bauermeister

Köln: "Miriam Schapiro"

Auf großen, weißen Galeriewänden, hängen, sparsam verteilt, große und kleinere stark- und strahlendfarbige Bilder. Sind es Bilder, oder sind es ausgebreitete Fächer, Vorhänge, Capes, Paravents? Miriam Schapiro ist Dauerkundin in Posamenten-Läden, auf ihren teils gemalten und teils collagierten Bildern leuchten und schillern die Blumen und Blätter und Muster exotischer und exquisiter Stoffe, schlängeln sich die Litzen und Perlchenreihen, funkelt Straß und Flitter, schimmern matter Samt und changierende Seide, ziehen Bänder und Bordüren ihre gestreckten und gewundenen Pfade. Das alles ist einerseits überschwenglich und exuberant, andererseits genau dosiert und organisiert, ist so makellos präzise gearbeitet, daß manchmal schwer zu erkennen ist, wo die Grenzen sind zwischen Material und Malerei, wo vorgegebene, ausgeschnittene Muster übergehen in eigen fortgesetzte und gestaltete Formen. Und die übergreifende, oft durch den Rahmen gesetzte Form bindet das Ganze dann in Umrissen von schönen, oft weiblichen Gebrauchs- und Dekorationsgegenständen. Ist Miriam Schapiro, die 1925 in Toronto geboren wurde und heute in New York lebt, eine Flatter-und-Luxus-Dame, die Kunst für das schöne Heim produziert? Sie ist, im Gegenteil, eine Pionier- und Mutter-Figur der Feministinnen der amerikanischen Kunst, eine Frau, die nach Anfängen im Abstrakten Expressionismus durch Viele und schmerzhafte Auseinandersetzungen mit sich und anderen hindurchgegangen ist, bis sie sich in voller und selbstbewußter Entschiedenheit zu ihrem Künstler-Dasein als Frau bekannt und ganz bewußt traditionell weibliche Materialien verwendet, sie in veiblich bestimmte Phantasien und Formen gebracht hat. Miriam Schapiro hat "Pattern Art" gemacht schon vor derselben, und sie kann es sich, anders als viele ihrer europäischen Kolleginnen, leisten, ihren Feminismus im Rückgriff auf feministische Themen und Materialien auf das schönste auszubreiten (Galerie Rudolf Zwirner bis zum 20. März)

Petra Kipphoff

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden; "Arnulf Rainer" (Kunsthalle bis 26. April, Katalog 25 Mark)