Von Carl-Christian Kaiser

Mannheim, im März

Wie aus dem Wasser gezogen war Helmut Kohl, als er seine Rede im Mannheimer Rosengarten beendet hatte, und ziemlicher Erschöpfung nahe zeigte sich auch Franz Josef Strauß, nachdem er an den CDU-Parteitag das gerichtet hatte, was das Protokoll ein "Grußwort" nennt, bei dem CSU-Vorsitzenden aber allemal ein langer Wortstrom wird. Mußten sich die Chefs der beiden Schwesterparteien schon im Kampf gegen die Grippe, die den einen wie den anderen ereilt hatte, physisch viel abverlangen, so war unverkennbar, daß sie sich auch psychisch viel abforderten – ganz so, als ginge es auf dem Treffen um Entscheidungen, die für alle Ewigkeit getroffen würden.

Darum handelte es sich freilich nicht, vielmehr um eine Momentaufnahme der Union. Aber die bekam durch die beiden Vorsitzenden ganz verschiedene Konturen. Nach dem Parteitag mögen Außenstehende wieder Wetten abschließen, auf wen die CDU/CSU demnächst mehr hören und wem sie folgen wird: Helmut Kohl, der nicht müde wird, ihr eine Opposition mit langem Atem und desto sicherer Rückkehr an die Macht anzuraten, oder Franz Josef Strauß, der ihr eher empfiehlt, die Gunst der Stunde im desolaten Regierungslager nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Reichlich Beifall erhielten beide, doch Strauß noch mehr als Kohl. Wie alte Feuerwehrpferde, die aufgeregt die vertrauten Signale hören, gerieten die Delegierten in Bewegung, als der CSU-Chef sie aufforderte, sich nicht mit einer Dauerrolle als "Berufsopposition" abzufinden, sondern auf "mehr Wirksamkeit bei der Durchsetzung unserer Politik" zu achten. Und "Hurra"-Rufe brausten auf, als Strauß zum Beispiel die kritische Diskussion bei den Sozialdemokraten über den technologischen Fortschritt, zuletzt an Hand der Verkabelungspläne zugunsten zusätzlicher Medien, kurzerhand als "sozialkritisches Geschwätz" abkanzelte. Welche Rezepte er zur Wiedererlangung der Macht im einzelnen ausstellen könnte, verriet Strauß freilich nicht – außer der Empfehlung, auf die "Damaskus-Stunde" bei der FDP abzuzielen, die dann eintreten werde, wenn sich die Liberalen nicht an der "Verwesung" ihres sozialdemokratischen Regierungspartners anstecken wollen.

Neue Regierungsverantwortung binnen absehbarer Zeit durch den Verfall der sozial-liberalen Koalition – das schließt natürlich auch Kohl nicht aus. Und selbstverständlich spart er seinerseits nicht mit massiven Attacken auf die Regierung. Aber unverdrossen wirbt er für sein Konzept, von strategischen Sandkastenspielen und politischem Übertaktieren die Finger zu lassen und sich statt dessen auf vier Jahre Opposition ohne Wenn und Aber einzurichten. Mehr noch: In Fragen des nationalen Interesses, von der Sicherheitspolitik bis zu den Energieproblemen, bietet er – nötigenfalls und wenn gewünscht – Zusammenarbeit an, während Strauß davon spricht, daß sein weiland in Sonthofen entworfenes Krisenszenario ein um das andere Mal bestätigt werde.

Die unterschiedlichen Konturen der Momentaufnahme durch einen Blick ins Plenum des Parteitags zu klären, half nur wenig. Vielmehr blieb die Ansicht so verschwommen wie der Ausblick durch die dunkel eloxierten Scheiben des Rosengarten-Gebäudes, dessen düstere Marmor- und Furnierpracht ohnehin im Gegensatz zu seinem freundlichen Namen steht. Eine engagierte und oft auf den Punkt genaue Debatte hat der Parteitag nur zur Wohnungsbaupolitik geführt, freilich eine Debatte der Fachleute. Sonst aber auf den Punkt zu kommen, fiel dem Konvent schwer. Immer wieder verwirrt es die Beobachter, daß die Sachdiskussion bei Unions-Parteitagen allenfalls am Rednerpodium stattfindet, das Plenum dabei aber ein Desinteresse beweist, das weit über das bei solchen Treffen übliche Rumoren hinausgeht. Die Delegierten schwätzen ungeniert von Bank zu Bank miteinander.