In den letzten Tagen bin ich zornig durch Freiburg gegangen, habe mit Leuten diskutiert, die zerschlagenen Fensterscheiben betrachtet, am Wochenende den Handwerkern zugesehen, wie sie die großen Schaufenster einiger Geschäfte mit Spanplatten zunagelten. Ich schaute den Demonstrationszügen zu, notierte die Parolen, ließ mir Flugblätter in die Hand drücken. Ich blickte den Demonstranten in die Gesichter – in den ersten zwei Reihen waren sie vermummt –, wunderte mich über die ruhige und große Demonstration (dreitausend bis fünftausend Teilnehmer) und hörte später im Radio fast nach jedem Umzug, daß Demonstranten sich zuletzt wieder mit der Polizei angelegt hätten, 17 Verletzte, 21 Verletzte.

Tagelang begegnete ich den langen Reihen von Polizeiautos mit Stuttgarter und Göppinger Nummern, die mit blitzenden Blaulichtern über die roten Ampeln fuhren. In der Stadt, die von den Zähringer Grafen so übersichtlich und polizeigünstig angelegt wurde, mit einem Straßenkreuz in der Mitte, standen an vielen Ecken die weißbehelmten Marsmenschen mit ihren durchsichtigen Schilden. Viele hundert davon marschierten vor und hinter, auch seitlich von Demonstrationszügen und rannten auf Kommandos irgendwohin, schützten den (jetzt von der Polizei) besetzten Schwarzwaldhof, einen verkommenen Gebäudekomplex, der zuvor in der Hand von Besetzern war. Diese weißgrünen Truppen passen nicht zu dieser properen Puppenstubenstadt mit ihren bereits blühenden Vorgärten.

Durchschnittsalter der Protestierer: vielleicht 21 Jahre. Durchschnittsalter der Polizisten: vielleicht 23 Jahre. Doch 95 Prozent dieser angespannten Konfrontation war bisher friedlich.

Warum also der Zorn, fragst Du mich. Weil der Staat sich mit übertriebener Gewaltanwendung unvernünftig benimmt. Weil nicht nur hundert junge Kriminelle und Halbkriminelle Vitrinen zerschlagen, Steine auf die Polizei werfen und Hauswände idiotisch besprühen, sondern weil auch die Polizei das Gesetz dauernd übertritt.

Glaubwürdige Augenzeugen erzählen Befremdliches über eine kleine Gruppe der Polizei: Vorrücken und wahlloses Schlagen aus nichtigem Anlaß und auf Befehl, Wasserwerfer wegen zweier Knallfrösche, Jagden auf unbeteiligte Zuschauer durch die Innenstadt. Und wer dann die Leute am Stammtisch hört oder die Bürger in der Straßenbahn, muß sich doppelt fürchten: In Freiburg herrscht angesichts der vernagelten Schaufenster Pogromstimmung – der übliche untergründige Faschismus, der sich in unsäglichen Tötungswünschen Luft macht.

Diese Konfrontation hat uns der Ministerpräsident Lothar Späth eingebrockt. Er kann mit Bürgern und Presse rechnen. Er mißbraucht seine wohlfeile Härte als politisches Vorzeigemittel, zum Fingerzeig für Hans-Jochen Vogel, wie der es in Berlin machen sollte. Die Formel für Freiburg heißt: "Mit allen Mitteln des Rechtsstaates".

Es ist verräterisch, wenn das Wort Rechtsstaat hier ertönt. Man hört es nicht bei den zahlreichen Übergriffen der Polizei, nicht, wenn seit Jahren Parasiten des Sozialen Wohnungsbaues ihre preiswerten Wohnungen besetzt halten, wenn Bestimmungen des Wohnraumrechtes von Bodenhändlern verletzt werden: Dann ist der Rechtsstaat abwesend.