Von Ferdinand Hucho

Was werden die Nobelpreise für Medizin und für Chemie der achtziger und vor allem der neunziger Jahre gemeinsam haben? Natürlich das auch, es werden kaum deutsche Preisträger darunter sein. Vor allem aber werden, sie für Arbeiten auf einem Forschungsgebiet vergeben, das es in Deutschland bisher kaum gibt: auf dem Gebiet der Neurochemie, der Wissenschaft vom Funktionieren und von der molekularen Struktur des Nervensystems.

Sind wir doch ehrlich: Was uns an uns selbst am meisten interessiert, sind jene eineinhalb Liter grauweiße Masse in unserem Schädel wo sich offenbar alles das abspielt, was wir für unsere bewußte Existenz halten, für die Essenz der menschlichen Natur.

In Frankreich, in Engländern den Vereinigten Staaten und in Israel ist diese Neugier bereits in emsige, öffentlich mit allen Mitteln geförderte Forscheraktivität übergegangen. Bei uns gibt es an den Universitäten kaum vier oder fünf Lehrstuhle. Dazu kommen außerhalb, an den Max-Planck-Instituten, noch ein paar Arbeitsgruppen und Einzelkämpfer, die sich mit diesem letzten, noch total weißen Fleck auf der Landkarte der Natur hauptamtlich befassen.

Schön zeigt sich eine deutliche Ermüdung des öffentlichen Interesses an der mechanistischen Beschreibung der Natur, nachdem die Prinzipien der Vererbung, des Stoffwechsels, der hormonellen Regulation und der Immunologie bis in kaum vorstellbare Details hinein aufgeklärt wurden. Aber über den entscheidenden Teil der Natur des Menschen, über den Sitz der bewußten Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens, des Gedächtnisses, der Schaltstelle aller einkommenden und ausgehenden Impulse, wissen wir fast nichts.