Ein Haus in der Trierer Innenstadt sollte abgerissen werden: Es zu erhalten, meinte der Eigentümer, sei unwirtschaftlich angesichts der Kosten. Junge Leute bildeten mit ihren Körpern tagelang einen Schutzwall um das Haus, bis die Polizei am 23. Februar den Abbrucharbeitern den Weg freimachte. Was man empfindet, wenn man weggeräumt wird, schildert ein Artikel, den wir der "tageszeitung" entnommen haben.

Ein neues Morgengrauen wartet, nicht mehr mit Farben beschreibbar. Längst wage ich nicht mehr, bei Demonstrationen die rote Fahne mitzutragen. Dieses Recht für Rosa Luxemburgs Selbst der grüne Farbtupfer vermag dem technokratischen Grau keine Nuance mehr abzuringen. Ist es denn wirklich Nostalgiewohnraum, durch Häuserbesetzungen zu verteidigen, gegen Spekulantentum? Gewachsenen Lebensraum zu erhalten gegen Autobahnen und Betonwohnklötze? Welcher Zynismus, Häuser abzureißen zur Verbreiterung einer Straße im Zeichen der Benzin-Spar-Appelle!

Wir lassen uns von Polizisten wegtragen von Häusern, die wir bei Temperaturen unter null Grad tage- und nächtelang umstellt haben, wo. wir mit Kältesteifen Fingern versuchten, Gitarre zu spielen, den Bauch voll lauwarmem Kaffee. Abwechselnd kaufen wir Filterzigaretten, weil unsere steifen Finger, keinen Tabak mehr drehen können. Das Schlafbedürfnis wird auf wenige Stunden reduziert. Flugblätter schreiben. Ein ungeahntes Wohlwollen und Unterstützung von den Bürgern dieser verträumten kleinen Bischofsstadt. Wir sind plötzlich nicht mehr die Minderheit politisierender Studentenfunktionäre. Unsere Erfahrungen aus Uni-Streiks kommen der Organisation der gemeinsamen Aktion zur Erhaltung, dieser Straße zugute.

Fünf Tage lang frieren, zittern, hoffen, warten, auf neue Verhandlungsergebnisse, bei jedem vorbeifahrenden Polizeiauto neue Angst.

Am fünften Tag haben wir aneinandergebunden eine Kette um "unser" Haus gebildet. Eine Polizeimannschaft rückt an, ein kleines Gemenge, als Polizisten die Seile zerschneiden, um uns wegzutragen. Wie Hunde springen die Reporter dazu: Ihr Bild von Chaoten und Randalen stimmt wieder – aber nur am Abend im Fernsehen. Kein Wort jedoch von den über dreitausend Unterschriften, die innerhalb zweier Tage zusammengekommen sind.

Sprachlos sehen wir zu, mit zitternden Händen, doch nicht vor Kälte, sondern vor ohnmächtiger Wut, wie "unser" Haus eingerissen wird. Keine Parolen. Bleiche Gesichter. Keine Diskussionen mehr wie in den vergangenen vier Tagen. Schweigemarsch durch die Innenstadt zum Rathaus. Ein Schweigen, das lauter schreit als alle Sprechchöre früherer Demonstrationen in dieser Provinzstadt. Ein Schweigen, das keine Betroffenheit zu künsteln braucht. Wir werden begleitet von Polizisten: Wer schützt wen vor wem?

Polizisten, die uns wegtragen vom Rathaus, wo wir uns vor den Eingang gesetzt haben, weil niemand bereit war, weiter mit uns zu sprechen, sagen uns: Mensch, macht es uns doch nicht so schwer, wir sind auch eurer Meinung, wir sind auch gegen das Abreißen dieser Häuser. Und dann tragen sie uns fort.