Das Klavierspiel in den Räumen der ersten Etage der aneinander angrenzenden Wohnungen Nr. 3 und 4, das auch in den übrigen Wohnungen laut und deutlich zu hören ist; – – ist nur vormittags an Werktagen gestattet und zwar in der Wohnung Nr. 3 von 9 Uhr bis 10.15 Uhr, in der Wohnung Nr. 4 von 10.15 Uhr bis 11.30 Uhr. Das gilt auch für das Spielen anderer Instrumente. Beim Musizieren sind Türen und Fenster zu schließen."

Diesen Beschluß faßten vor gut zwei Jahren die Wohnungseigentümer eines Mehrfamilienhauses mit Stimmenmehrheit, weil vier von den sechs Wohnungseigentümern das Klavierspiel der beiden anderen auf die Nerven ging. Eine der durch Mehrheitsbeschluß vergatterten Nervensägen fügte sich und spielte von nun an nur noch zur vorgeschriebenen Zeit. Die andere fügte sich nicht und spielte weiter, wann sie wollte, oder ließ sich von ihrem Lebensgefährten vorspielen. Daraufhin zog die Mehrheit vor Gericht und versuchte, die Klavierspielerin mit staatlicher Rückendeckung zur Raison zu bringen.

In zwei Instanzen – vor dem Amtsgericht und dem Landgericht – hatte die Mehrheit Erfolg; die Gerichte verboten der Klavierspielerin nebst Lebensgefährten das Musizieren außerhalb der festgesetzten Zeiten. In dritter Iristanz erwiesen sich die Richter des Oberlandesgerichts Hamm in einer kürzlich veröffentlichten Entscheidung (15 W 122/80) als sehr viel einfühlsamere Musikliebhaber.

Sie meinten, eine derart rigorose Einschränkung käme praktisch einem absoluten Musizierverbot gleich und könne deshalb keinesfalls durch Mehrheitsbeschluß gegen den Willen des Musizierenden beschlossen werden. In der eigenen Wohnung sei jedermann "ein ungestörtes Leben mit der Familie und für die privaten Interessen gewährleistet". Zu den privaten Interessen gehöre aber auch die Hausmusik, ja, sie sei sogar ein Teil des verfassungsrechtlich garantierten Grundrechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.

Daraus folgt – so meinten die Richter in Hamm –, daß niemand gegen seinen Willen verpflichtet werden darf, das Oben am Klavier auf Werktage zu beschränken. Auch die Fixierung auf "starre Zeiten" verletzt die "gebotene Rücksicht darauf, daß das Musizieren auch von der jeweiligen Gemütsverfassung sowie von äußeren Gegebenheiten wie Besuchen, Familienfeiern und dergleichen beeinflußt wird". Ferner ist es unzumutbar, die Mindestzeit auf weniger als zwei Stunden am Tag zu beschränken.

Ganz besonders schlug ins Gewicht, daß die renitente Klavierspielerin berufstätig war und die ihr eingeräumten "Spielzeiten" allenfalls im Urlaub oder während einer Krankheit hätte nutzen können. Fazit der Richter: eine so drastische Beschränkung verstößt "gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden", ist daher nichtig und rechtlich wirkungslos.

Vorsichtshalber legten die Richter gleich den Rahmen fest, innerhalb dessen die Einschränkung des Klavierspiels nach ihrer Meinung sinnvoll und unter Berücksichtigung des Ruhebedürfnisses der Nachbarn auch gerecht wäre. Sie liest sich wie eine Magna Charta der Hausmusik: