Von Ernst Klee

Die Geschichte der Behandlung Geisteskranker ist eine Geschichte der Gewalt. Kranke wurden einst durchgepeitscht, bis zum Ersticken in eiskaltes Wasser getaucht, auf Drehmaschinen geschnallt oder in Särge, Schränke und Zwangsjacken gesteckt. Die "Verrückten" sollten mit Gewalt geschockt werden.

Psychiater suchten den angeblich heilsamen Schock auch toxisch herbeizuführen. Brom- und Zyankalivergiftungen wurden erprobt, Patienten mußten Stickstoff einatmen, bis sie mit krampfartigen Zuckungen kollabierten. Die Nazis machten mit Gefangenen in Konzentrationslagern Unterkühlungsexperimente. Nur wenige wissen, daß auch Psychiater der renommierten Harvard-Universität in den Vereinigten Staaten Patienten in Eis und moderne Gefriermittel legten und bis zum Koma unterkühlten. Die Kranken waren, so heißt es, nach dem "Experiment" "weniger streitsüchtig". Berichte über die Unterkühlung Geisteskranker erschienen noch bis 1960.

Dies beschreibt Peter Roger Breggin, ein amerikanischer Psychiater, in seinem Buch

"Elektroschock ist keine Therapie", Verlag Urban & Schwarzenberg, München 1980; 281 Seiten, 38 Mark.

Für Breggin steht der Elektroschock, der 1938 erfunden wurde, in einer Reihe mit den Torturen an seelisch Kranken, auch wenn er zuweilen schönfärberisch Heilkrampf oder Durchflutungstherapie genannt wurde. Neuerdings heißt er Elektrokrampftherapie (EKT): Durch elektrische Reizung des Hirns wird ein epileptischer Krampf erzeugt. Der Patient bekommt ein Kurznarkotikum gespritzt und ein Mittel, das die Muskeln lähmt, so daß der Kranke auch nicht mehr atmen kann (dies ist notwendig, weil es früher durch das Aufbäumen und Zucken der Patienten zu Kiefer- und Armbrüchen und Brüchen der Wirbelsäule kam).

Der Patient wird künstlich beatmet. Die Schläfen werden befeuchtet, ein Leinenläppchen wird aufgelegt, Zungentubus und Mundkeil eingeführt, die Elektroden an den Schläfen angesetzt. Der Schock wird durch Knopfdruck auf das Schockgerät ausgelöst. Nach einer halben Stunde bis Stunde erwacht der Geschockte. Ein deutsches Psychiatrie-Kompendium empfiehlt fünf bis zehn Schocks, zweimal pro Woche einen. In den USA ist das Maß bei Depressiven gleich; Schizophrene bekommen zwischen 18 und 20 Schocks. Es gibt Patienten, die mehr als hundertmal geschockt wurden.