Der CBS-Moderator Walter Cronkite trat nach neunzehn Jahren vom Bildschirm ab

Von Barbara von Jhering

Sein Geschäft war die Vermittlung der Tagesereignisse, des ständigen Wandels; er selber aber war die Konstante. Er berichtete von Kriegen und Katastrophen, von Staatskrisen, politischen Morden und nationalen Niederlagen; er selber indessen blieb eine Quelle des Vertrauens, die personifizierte Gewißheit, daß Amerika und das demokratische System es schon überstehen werden. Wenn Walter Cronkite seine Sendung mit den Worten beschloß "And that’s the way it is" – und so war’s –, dann kam es niemanden in den Sinn, daran zu zweifeln, daß es sich genau so und nicht anders zugetragen hat.

Als in der vergangenen Woche der bekannteste Nachrichtensprecher, Reporter und Kommentator in den Vereinigten Staaten nach 19jähriger Präsenz vom Bildschirm abdankte, ging für Millionen Zuschauer eine Ära zu Ende. Nahezu an jedem Abend um 19 Uhr hatte der weißhaarige Journalist, in dessen Augenwinkeln es keine Spur von Zynismus, dafür Wärme, Teilnahme und auch Weisheit gab, in den Wohnzimmern der Nation seinen großen Auftritt gehabt. Wenn so mancher Präsident, der in den siebziger Jahren regierte, schon vergessen sein wird, werden sich die Leute noch an Walter Cronkite erinnern. Denn er gehörte länger dazu, als das Fernsehgedächtnis der jungen Generation reicht. Er war eine Institution: Onkel Walter Superstar.

Daß die Fernsehanstalt CBS unter ihren Konkurrenten seit Jahren die Spitze in der politischen Berichterstattung hält, hat sie zum nicht geringen Teil diesem einen Mann zu verdanken. Denn Walter Cronkite war ja nicht nur ein Verleser von Nachrichten. In den Vereinigten Staaten muß sich einer selber als Journalist ausgewiesen haben, ehe er die Berichte der Korrespondenten präsentiert. Er leitet ein, faßt zusammen; er ist ein primus inter pares. Offiziell trug Cronkite den Titel des managing editor. Er legte letzte Hand an jede Sendung – wenn auch der Inhalt schon morgens von der Sendeleitung beschlossen, sein Text von drei "Schreibern" bereits vorformuliert war. Aber von seinen eigenen Berichten her kannte, man ihn als gründlichen, verantwortungsvollen Journalisten. Er galt mehr als Reporter denn als Analytiker; aber anders als manche seiner Moderatoren-Kollegen war er fähig, eine politische Entwicklung in zwei Sätzen zu umreißen und in einem Halbsatz auch noch eine Wertung anzufügen.

Mehr als jeder andere rechtfertigte er den Begriff des anchorman – ein Koordinator, ein "Anker" zu sein, einer, auf den Verlaß ist, und zwar für Korrespondenten wie für Zuschauer. Er wurde zum Synonym für alles, was das Volk in einer Person des öffentlichen Lebens an Qualitäten sucht, so daß Meinungsforscher ihn als Bezugsgröße benutzten: Wollten sie die Glaubwürdigkeit eines politischen Kandidaten testen, dann stellten sie die Kontrollfrage nach Walter Cronkite. Unnötig zu sagen, daß niemand "Onkel Walter" erreichte – 1972 hatte ihn eine Umfrage als den Mann ausgewiesen, dem Amerika am meisten vertraute.

Sein Bekanntheitsgrad überstieg den vieler Personen, über die er zu berichten hatte; sein Einfluß kam dem eines Präsidenten sehr nahe. Während des letzten, lustlosen Wahlkampfes war denn auch nicht selten der Stoßseufzer desillusionierter Wähler zu hören: "Why not Walter for President – Warum bewirbt er sich nicht?