Die selbstbewußt vorgetragenen Thesen der Professoren Flitner und Singer sowie die bescheidenen Rückzugsgefechte von Clemens Christians beweisen es bis in die Stilebenen hinein: Arkadien ist auf dem Vormarsch; der Paukschule, der Institution also, die Hanno Buddenbrook quälte, steht das Wasser hingegen am Halse. Die Fragen, die Flitner am Ende seines Artikels stellt, ehren sein pädagogisches Gewissen und legitimieren deshalb seine Kritik. Gegen den Sirenengesang von Singer hingegen sollte man die Paukschule verteidigen. Dazu muß man sich nicht einmal an der Schulpforte festbinden lassen oder den Eltern die Ohren verstopfen. Es genügt, die Anpreisung seiner neuen Schulwelt beim Wort zu nehmen. Als eines "der höchsten pädagogischen Ziele" nennt er uns "die Bereitschaft des Schülers, spontan, zielstrebig und ausdauernd weiterzulernen".

So maßlos unmenschliche Erwartungen hat die bisher praktizierende Schule noch nie in ihre Kinder gesetzt. Orwell hätte seine Lust daran gehabt: ein Volk von "spontan, zielstrebig und ausdauernd weiterlernenden" Individuen.

Um wieviel menschlicher ist daran gemessen die gewöhnliche Paukschule. Da sie in der bisherigen Diskussion immer diffamiert wurde, will ich ihre Menschlichkeit an Hand konkreter Gegebenheiten des Schulalltags würdigen. Hierzu Fächer wie Deutsch, Geschichte oder das neuerdings beliebte Prüfungsfach Religion zu benutzen, wäre unredlich, Deshalb greife ich absichtlich das Schreckgespenst vieler Eltern und Schüler heraus, den Fremdsprachenunterricht. Ich fragte als Tutor kürzlich zwei Schülerinnen, warum sie Französisch als Leistungskurs wählen wollen, obwohl sie vorher nur eine 3 als Note hatten, in Englisch hingegen eine 2. Verlegenes Lächeln zunächst, dann die schalkhafte Antwort: "Weil die 3 von Frau X mehr wert ist als die 2 von Herrn Y." In Singers Theorie müßte die 3 von Frau X sich als "Unwert"-Stigma längst negativ ausgewirkt haben; tatsächich hatte sie gegenteilige Folgen, weil sie das Selbstwertgefühl der Schülerinnen in diesem Fach ja steigerte.

Warum nun war die 3 von Frau X "mehr wert"? Frau X ist eine Lehrkraft herkömmlichen Schlages, die ihre Zeit vergeudet mit dem Korrigieren zusätzlicher Tests und die das Sprachlabor nicht mehr benutzt, wenn mehr als zehn Prozent der Schüler mit der technischen Einrichtung spielen, statt den Wohllaut der französischen Sprache nachzuahmen. Herr Singer reiht sie unter die törichten "Leistungsverfechter" ein, die "nicht an den Menschen denken". In Wirklichkeit gründet ihre Gewissenhaftigkeit bei der Leistungskontrolle in sozialem Ethos.

Benachteiligt ist nämlich das Kind aus den unteren Schichten. Es mag sich im Brutkasten seines subjektiven "Leistungsglücks" (Singer) vielleicht zwei Jahre wohl fühlen, wittert dann aber die realen Verhältnisse um so verzweifelter, wenn sich das Wortschatzgefälle zu anderen Schülern nicht mehr vertuschen läßt. Der Brutkasten erweist sich dann als Falle des Philantropen. Die Menschlichkeit von Frau X hingegen besteht gerade darin, daß sie nicht von der utopischen Erwartung ausgeht, Wörterlernen könnte bei Jugendlichen, die gern basteln, Musik hören oder Gitarre spielen, Lust- oder Stolzgefühle auslösen, sondern daß sie ihre Lernunlust akzeptiert. Durch stetiges Abhören mit gezücktem Notenbuch versucht sie, für alle Kinder die tägliche Pein der Entscheidung zum Fleiß zu mildern.

Warum verkneift sich Frau X den schönen Traum von der harmonischen Solidargemeinschaft zwischen Lehrern und Schülern? Könnte sie nicht versuchen, die "emotionalen Bedürfnisse" ihrer Schüler "in die Gruppe einzubringen"? (Singer). Original-Asterix-Hefte und französische Chansons böten sich doch jede zweite Stunde hierzu an. Ich bezweifle nicht, daß den wenigen begnadeten Charismatikern unter den Lehrern solche Wege möglich sind. Frau X aber weiß, daß die Schüler es bei Durchschnittslehrern als entwürdigend und kindisch empfänden, wollte man sich auf diesem Wege ihre emotionalen Bedürfnisse erschleichen, um sie nutzbar zu machen. Frau X achtet diesen Stolz; daß sie nicht erwägt, ihn zu manipulieren, ist ein Beweis ihrer Humanität.

Ein überzeugender Kronzeuge gegen die Paukschule schien der ZEIT bei der Einleitung dieser jüngsten Diskussion über die Schule Thomas Mann zu sein. Dabei wird etwas Wichtiges übersehen: Hanno Buddenbrook leidet nicht nur an seinen Lehrern, sondern ebenso an dem Naturell des größten Teils seiner Mitschüler. Ich brauche nur an seinen Onkel Christian zu erinnern, der auf die Anweisung, für seine Lerngruppe vor der Tür Echo zu singen, mit einem gänzlich anderen "emotionalen Bedürfnis" reagierte: Er warf den Kohlenkasten die Treppe hinunter. Die Ermunterungspädagogik macht es sich zum Teil deshalb so schwer, weil sie in den Schülerrudeln, die morgens selbstbewußt und ohne Rücksich auf kleinere Schüler mit ihren Mopeds in die Schulhöfe einschwenken, lauter Hannos mutrnaßt. Mir scheint unter den schönen Motorradhelmen jedoch mehr ein Großteil von Hannos Klassenkameraden verborgen zu sein, deren emotionale Bedürfnisse Thomas Mann genauso schonungslos als trivial karikiert, wie er Hannos Leid als furchtbar beschreibt. Das Gesicht der Paukschule weist gewiß keine edlen Züge auf, aber es ist ein menschliches Gesicht, weil es sich zu dieser Trivialität bekennt, da es ihr täglich ins Auge schauen muß. Hartwig Altstaedt

Hartwig Altstaedt ist. Oberstudienrat in Mosbach-Diedesheim.