Der Überlebens-Kult in Amerika: Ein 100-Millionen-Dollar-Geschäft

Von Marianne Heuwagen

The Larder", die Speisekammer, heißt ein Laden auf dem Magnolia Boulevard in Nord-Hollywood. "The Larder" ist ein Survival-Store, spezialisiert in Produkten, die zum Überleben erforderlich sein sollen: Werkzeuge, Lebensmittel und Arzneien, Bücher. Eigenartigerweise fordern die Bücher im Survival-Store mehr zum Töten als zum Leben auf. Die angebotenen Titel würden jede Terroristen-Bibliothek zieren: "Schlag zurück, der vollständige Führer gemeiner Tricks", "Theorie und Praxis des Totschlags", "Das Sabotage Buch (ein Führer zur Industriesabotage), "Bomben in Heimarbeit", "Che Guevara: Guerilla-Kriegsführung", "Der Straßenkampf: Amerikas Kunst in der Kriegsführung". "How to kill" (Wie man tötet) Band I bis V, das Stück zu fünf Dollar, war ein Bestseller letztes Jahr zu Weihnachten.

Aus dem CIA-Trainingslager

Natürlich gibt es auch Bücher, die sich tatsächlich, mit dem Überleben in der Wildnis befassen, wie: "Die richtige Ausrüstung für den Wanderer", "Eßbare und giftige Pflanzen in Kalifornien", "Wo es keinen Doktor gibt. Ein Gesundheitsbuch für kleine Kommunen". Ferner: Anleitungen zum Bau von Windmühlen, Solarzellen, Bunkern und Blockhütten. Neben der Kasse stapelt Nancy Litwack, die Inhaberin des Survival-Ladens, ihre gängigsten Werke: "Leben nach dem Jüngsten Gericht", eine Anleitung zum Überleben des totalen Atomkrieges; "Wie gedeiht man in den wirtschaftlich schlechten Zeiten" von Howard Ruff; "Das Buch der Strafmandate" und "Wie rettet man seinen Führerschein. Ein Handbuch im Umgang mit Verkehrsrichtern".

Nancy Litwack hat ihren Survival-Laden vor sieben Jahren eröffnet. Sie ist verheiratet, Mormonin, hat zwei Kinder, ihr Mann gehört dem jüdischen Glauben an. Seit der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren, als Millionen Amerikaner hungerten, hörten viele Mormonen, dem Rat ihrer Propheten folgend, Lebensmittel für ihre Familie, um in schlechten Zeiten zu überleben. Nancy Litwack verkauft und verschickt heute alles, was einmal gebraucht werden könnte, wenn Technik und Zivilisation in Schutt und Asche liegen: schlichtes Werkzeug, Taschenmesser, Kompasse, handbetriebene Küchengeräte, Kerosinlampen, Erste-Hilfe-Koffer. Was allerdings Pfannen zum Goldwaschen, Handschellen, Hemden mit der Aufschrift "CIA-Trainingslager" und "Slim Long Johns", Geräte zum Autoknacken, mit dem Überleben zu tun haben, mag Nancy Litwack nicht erklären.

Die haltbaren Lebensmittel im Survival-Laden stammen zum Teil noch aus Armee-Überresten, wie, die Schokolade in Dosen, im Sonderangebot für 99 Cents. Kommen die Halbliterdosen mit der Aufschrift TRINKWASSER von der Bundeswehr? Für unbequeme Fragen hat Nancy Litwack keine Zeit: Sie muß dauernd telephonische Bestellungen entgegennehmen. Japanischen Ursprungs sind die roten Plastikbehälter, so groß wie Ziegelsteine, Preis: 2,95 Dollar. Sie enthalten neun Mahlzeiten in Form von Knabbergebäck. "Hergestellt 1975, garantiert haltbar bis 1978", steht auf der Packung zwischen den japanischen Schriftzeichen. "Diese Angaben entsprechen den strengen Bestimmungen der japanischen Behörden", erklärt Nancy Litwack, "für unsere Zwecke ist das durchaus noch eßbar." Auf amerikanische Bedürfnisse zugeschnitten sind die Leinensäcke mit "50 Pfund Popcorn", die vor den Bücherregalen gestapelt sind.