Auch in Ost-Berlin besetzen junge Leute Häuser instand

Von Marlies Menge

Wer Jürgen im Winter besuchen will, dem kann es passieren, daß er durch kniehohen Schnee im Eingang des Treppenhauses stiefeln muß. Denn die Tür zu dem Hinterhaus, in dem er wohnt, fehlt. Das Geländer ist brüchig, die Stufen sind ausgetreten. Jürgen S., 27 Jahre, wohnt in einer Einzimmerwohnung mit Küche, Ofenheizung, Toilette eine Treppe tiefer. Die Wohnung liegt im Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Er ist das, was wir einen Wohnungsinstandbesetzer nennen. Er selbst nennt sich ironisch so, seitdem es Hausinstandbesetzer im anderen Teil der Stadt, in West-Berlin, gibt.

In Ost-Berlin gäbe es allenfalls leerstehende Wohnungen, sagt er, schwer vermietbare meist: Sie sind dunkel, feucht und sehr renovierungsbedürftig. Und es sei wohl auch nicht typisch für Ost-Berlin, daß Leute sich diese Wohnungen einfach nehmen. Bei ihm sei das damals so gewesen: Er kam vor Jahren aus einem kleinen Ort in Mecklenburg nach Berlin. Im Betrieb, bei dem er anfing zu arbeiten, sagte man ihm, daß man sich um Wohnraum nicht kümmern könnte.

Wohnungssuche auf eigene Faust

Zuerst schlief er bei einer Tante auf einer Luftmatratze in der Küche. Nach Dienstschluß lief er durch die Straßen und hielt Ausschau nach Fenstern ohne Vorhänge. Entdeckte er solche, stieg er die Treppen zu der dazugehörigen Wohnung hinauf und klingelte. In der einen wurden die Gardinen gerade gewaschen, in der anderen wohnten junge Leute, die Gardinen vorm Fenster als spießbürgerlich ablehnten.

Schließlich stand er vor der Tür,seiner jetzigen Wohnung. Er klopfte und klingelte, nur die Nachbartür öffnete sich. Ein Mann sagte, daß die Wohnung seit langem leerstände. Er half ihm sogar beim öffnen der Tür, später bei der Reparatur des altersschwachen Kachelofens. Das Haus wird von der Kommunalen Wohnungsverwaltung verwaltet. Übrigens ist gut die Hälfte der Wohnungen in der DDR noch in privater Hand. Doch egal, ob privat oder staatlich, die Mieten in den Altbauten sind auf dem Stand von 1938 eingefroren: In Ost-Berlin wird eine bis 1,25 Mark Miete pro Quadratmeter Wohnfläche bezahlt, außerhalb Berlins ist es weniger, in Neubauten etwas mehr. Eine logische Folge solcher Mietpreispolitik war, daß die Altbauten verfielen. Niemand hatte das Geld, sie instandzusetzen. Erst seit Anfang der siebziger Jahre gibt es staatliche Kredite für die Modernisierung, von Altbauten. Noch heute haben rund 50 Prozent aller Wohnungen in Berlin kein Bad, keine Dusche, keine Innentoilette.