Von Manfred Sack

Mein, keine Flutwelle von Büchern kommt angeschwommen zum zweihundertsten Geburtstag Schinkels – obwohl es doch die Vielseitigkeit dieses Künstlers leicht hätte vermuten lassen und seine politische Biographie der DDR-Führung sogar Anlaß zu Staatsakten und -Symposien gibt. Und die Hälfte dieser Bücher hat es so oder so schon gegeben.

Das handlichste, zugleich prominenteste und, populärste ist die 1924 zum erstenmal veröffentlichte Biographie "Carl Friedrich Schinkel", von August Grisebach. Der Piper Verlag hat sie neu herausgebracht, eine mit 34 Mark nicht sonderliche billige, bei mehrmaligem Gebrauch leicht aus dem Leim gehende Ausgabe. Die betagte Darstellung des preußischen Klassizisten liest sich auch heute noch sehr angenehm.

Der Propyläen Verlag bietet das vor neun Jahren in den USA erschienene Buch von Hermann G. Pundt nun auf deutsch an: "Schinkels Berlin", ein mit imponierender Sorgfalt und beinahe bibliophiler Leidenschaft hergestellter, treffend illustrierter Band, der sich nun ausdrücklich nicht nur mit der Architektur auseinandersetzt, sondern mit der "Wirkung, die von der Reihe der Schinkelschen Bauten ausging und den Charakter des Zentrums der Stadt prägte". Damit möchte der in Berlin geborene, seit dreißig Jahren in Amerika lehrende Architekt und Kunsthistoriker eine Unterlassung wettmachen und den Irrtum korrigieren, sein Held habe mit völliger Unbekümmertheit um die Gesamtwirkung im städtebaulichen Beziehungsgefüge seine Solitäre gebaut. Eben das, sagt Pundt in seiner fleißigen und akkuraten, bedächtigen und mitunter betulichen würde sagen ...") Darstellung, sei nicht richtig; die Zeitgenossen hätten es gewußt und gewürdigt. Immerhin habe Schinkel 1817 den allerersten Gesamtbebauungsplan für die Berliner Stadtmitte vorgelegt und darin "vorhandene Komponenten als Leitlinien für seine eigenen Schöpfungen" ganz hervorragend respektiert und genutzt. Man lernt viel aus dieser wissenschaftlichen Huldigung, die Kritik freilich nur an den Kritikern Schinkels übt.

Wie zu seiner komplettierenden Illustrierung legt der Rembrandt Verlag seine Auswahl von Stichen aus Schinkels Sammlung architektonischer Entwürfe aus dem Jahre 1973 neu auf, nun ein klein wenig erweitert und korrigiert: "Karl Friedrich Schinkel: Berlin und Potsdam". Leider haben die zarten Zeichnungen damals auf dem fasrig-gelben Papier viel mehr atmosphärische Räumlichkeit entwickelt als jetzt auf einem kalkweißen glatten Papier. Dennoch hat dieser Verlag mehr Sorgfalt aufgebracht als der (Leipziger) Drucker des arani-Verlags, der vierzehn Berliner und Potsdamer Gebäude aus Schinkels "Sammlung architektonischer Entwürfe" auf, vierzig Tafeln reproduzieren ließ. Es wurde ein nicht nur (und rätselhaft mit "drucktechnischen Gründen" erklärter) verkleinerter, sondern auch unziemlich flauer, undeutlicher Reprint zwischen zwei sich sofort verziehenden Buchdeckeln. Ärgerlich ist das besonders deswegen, weil ein bibliophiler Anspruch behauptet wird: Es gibt diesen großen Querband bei uns nur in fünfhundert numerierten Exemplaren.

Neu indessen ist der Versuch Mario Zadows über "Karl Friedrich Schinkel": Er schildert ihn in allen Facetten seines Berufslebens, als Panoramen-, Dioramen-, Landschafts- und Bühnenbildmaler, als Denkmalpfleger und Entwerfer kunstgewerblicher Gegenstände, als Baumeister und als Träumer. Er zitiert, so oft es irgend geht, Schinkel selber oder viele seiner Zeitgenossen. So entstand ein emsig zusammengelesenes, an Informationen überraschend reichhaltiges Porträt, das sich so eingänglich liest wie eine – erstklassige – Schulfunksendung.

Ein historisches Klima von ganz eigenartigem Reiz erzeugt nun freilich ein Bilderbuch der Deutschen Verlags-Anstalt, worüber der Titel in feiner Zurückhaltung nichts preisgibt. Er heißt "Karl Friedrich Schinkel – Sein Wirken als Architekt". Das sorgsam gedruckte Buch indessen enthält manches noch niemals Gesehene und nicht mehr zu Sehende, das sind – neben Stichen und Handzeichnungen, die man kennt – überraschend nuancenreiche Photographien, die gegen Ende des Jahrhunderts für die Königlich-Preußische Meßbildanstalt aufgenommen worden waren. Darunter sind Bilder vom alten, von Schinkel umgebauten, 1893 abgerissenen Dom am Lustgarten, Bilder auch von Innenräumen aus Palais, Schlößchen, Kirchen, dem Schauspielhaus, nicht zuletzt vom umschwärmten Gärtnerhaus in Potsdam mit vielen kaum bekannten Details. In das vergangenheitsbeschwörende Fluidum paßt der (leicht gekürzte) lange Vortrag, den Alfred von Wolzogen 1884 über seinen Onkel Schinkel gehalten hat. Herausgeber des Bandes ist die Bauakademie der DDR (deren Staatsführung ja Schinkels im Krieg beschädigte Bauakademie in den sechziger Jahren ohne Not hat abreißen lassen – was hier unehrlich ins Positive verdreht wird: "Im Zweiten Weltkrieg zerstört, danach Bergung der wichtigsten Bauteile und Reliefs")