Von Katrin Henri

Die Sonne hat die Nebelschwaden wieder über den Grat ins Frutigtal zurückgedrängt. Ein Mungg, ein Murmeltier, buddelt sich aus dem hart gefrorenen Schnee und streckt seine Nase der wärmenden Frühlingssonne entgegen. Wir lassen uns auf dem Gipfel des Wiriehorns (2304 Meter) zu einem Sonnenbad nieder. Das haben wir uns nach dreistündigem Aufstieg redlich verdient.

Das Wiriehorn ist der markanteste der bizarren Pultberge der Niesenkette, die das Frutig-Engstligental vom Diemtigtal trennt. Zwar erreichen diese Gipfel nicht die stolzen Höhen ihrer hochalpinen Nachbarn im Berner Oberland, die sich jetzt hinter einem dichten Nebelschleier verstecken, doch ihre steilen Flanken reichen immer noch aus, einen außer Atem zu bringen. Wenn sich ihre Namen an Bekanntheit auch nicht mit Jungfrau, Schreckhorn und Konsorten messen können, so regen sie doch die Phantasie an: Da steht das Tschiparellenhorn neben dein weniger sympathischen Steinschlaghorn, während sich auf der anderen Talseite Berge mit so exotisch klingenden Namen wie Buufal und Puntelgabel erheben. Hier, im schneesicheren Diemtigtal, lassen wir die Skitouren-Saison ausklingen, die in diesen Breiten sogar bis Ende Mai dauern kann.

Das Diemtigtal – mit 130 Quadratkilometern das größte Seitental des Simmentais – ist nicht nur ein ideales Tummelfeld für Tourengeher, seit einigen Jahren bietet es auch den Pistenfahrern und Langläufern ein ansehnliches Angebot von wohlpräparierten Pisten und Loipen. Von der Hauptstraße durchs Simmental, die zu berühmten Skiorten wie Gstaad, Lenk oder Zweisimmen führt, zweigt die Diemtigtaler Straße bereits wenige Kilometer nach der Ausfahrt von der Autobahn Bern-Spiez ab. Sie windet sich am Bachlauf entlang durch kleine Wälder und Weiden zum Parkplatz Riedli (1000 Meter). Von dort aus läßt man sich vom Skilift auf den Schwarzenberg (1500 Meter) oder vom Sessellift zum Berghaus Nüegg (1400 Meter) hinaufbringen. Sechs Skilifte und zwei Kinderlifte bis auf eine Höhe von 1800 Metern warten dort in der Talmulde zwischen Schwarzenberg und Hohmad auf Skiläufer.

Nach einer zünftigen Abfahrt über die FIS-Strecke, auf der im Januar 1981 zwei Europa-Cup-Abfahrten ausgetragen wurden, ist eine Kaffeepause im Berghaus Nüegg genau das richtige. Trotz der 600 Sitzplätze ist es nicht ungemütlich, im offenen Kamin knacken Holzscheite. Hier läßt es sich gut feiern, die Zutaten wie Käsefondue oder am Kaminfeuer gebratene Steaks und einen guten Tropfen hält der Wirt auf Lager.

Vom "Kaffee fertig" (Kaffee mit Schnaps und Zucker) beschwingt, kurven wir kurz vor der Talstation durch das Ski- und Ferienzentrum Wiriehorn, das zusammen mit den erwähnten Liftanlagen und dem Berghaus das größte touristische Unternehmen im Diemtigtal bildet. Das neue Sporthotel "Wiriehorn" bietet zum Beispiel sowohl Hotelferien im gewohnten Stil als auch Ferienwohnungen an – mit oder ohne Zimmerservice. Fitneßraum und Solarium, Bar und Dancing sind für alle da. Einkaufen kann man im hoteleigenen Lebensmittelgeschäft oder im Tante-Emma-Laden des nächsten Weilers, über dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift "Handlung" prangt.

Bei dieser Gelegenheit sollte man dem Gasthaus "Tiermatti" einen Besuch abstatten, einem Bauernhaus aus dem Jahre 1751 mit einer reich geschnitzten, mit Sprüchen und Gebeten geschmückten Fassade. Am einfachen Holztisch unter der Fahne des Männerchors von Schwenden und dem Ehrendiplom der Landwirtschaftlichen Ausstellung von Anno 1881 schmeckt die Buurehamme (geräucherter Beinschinken) oder der Hobelkäse besonders, gut. Dazu erzählt die Wirtin in ihrem urchigen Simmentaler Dialekt Episoden aus ihrem Leben als Bergbäuerin und Gasthausbesitzerin. Wenn Sie das "Chemet de gly umhi!", das sie Ihnen zum Abschied nachruft, richtig als ein "Kommen Sie bald wieder" deuten, machen Ihnen vielleicht auch Ausdrücke wie "Früüd" (Freude), "Gfeehl ghäben" (Glück gehabt) oder "Mitschizüg" (Mädchensache) keine Schwierigkeiten.