Der Zwang zu einer neuen Lohnpolitik

Von Heinz Michaels

Ausgerechnet Heinz Kluncker, der Chef der mächtigen Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, der 1974 die jährliche Tarifrunde mit einem Paukenschlag eröffnete, mit den Deckeln der Mülleimer trommein ließ und zweistellige Lohnerhöhungen durchboxte, blies jetzt zum Rückzug. "Meine Befürchtungen gehen allerdings dahin, daß selbst im industriellen Bereich in diesem Jahr die Realeinkommen nicht voll abgesichert werden können", sagte er in einem Spiegel-Interview,

Wie wahr, wie wahr. Für das Baugewerbe hat der Bauarbeiterführer Rudolf Sperner bereits einen Tarifvertrag über vier Prozent Lohnerhöhung gegengezeichnet, der kaum die Preissteigerungen dieses Jahres ausgleichen wird.

Damit ist ein Signal gesetzt, das auch die Metallarbeiter – mögen sie auf Straßen und Plätzen noch so lautstark für acht Prozent mehr Lohn demonstrieren (siehe auch Seite 21: Die Unternehmer zwicken) – nicht übersehen können. Ihr Gewerkschaftsführer Eugen Loderer weiß das ebenso wie die Arbeitgeber. Die Frage ist nur, wie lange sie noch brauchen, um aus den Schützengräben herauszukommen, in denen sie sich im letzten Herbst verschanzt haben.

Die Zeiten haben sich schneller gewandelt, als damals vorhersehbar war. Der wirtschaftliche Horizont hat sich verdunkelt. Alle Prognosen – so vorsichtig und skeptisch man sie beurteilen sollte – sagen für dieses Jahr und auch darüber hinaus schweres Wetter voraus.

Nur die Tarifparteien haben sich nicht gewandelt. In der Metallindustrie – mit gut vier Millionen Beschäftigten der größte Block – wird seit Januar das traditionelle Tarifritual von Forderung und Angebot zelebriert, so als schrieben wir noch das Jahr 1961 oder 1971. Da zeigt sich, wie schwer es ist, von alteingefahrenen Wegen abzuweichen und auf tarifpolitisches Neuland vorzustoßen.