Von Egmont R. Koch

Die Zeiten, da Tranquilizer einhellig als Segen für die streßgeplagte Menschheit angesehen wurden, sind längst vorbei. Allerwelts-Seelentröster wie Valium und Librium haben, selbst wenn ihnen niemand eine Existenzberechtigung für bestimmte Indikationen abspricht, ihren Kredit verspielt – durch eine kritiklose Anwendung ebenso wie durch mitunter gravierende, mit Alkoholismus durchaus vergleichbare Abhängigkeitsprobleme vieler Pillenkonsumenten.

Nun, so scheint es, könnte die letzte Runde für diese Psychopharmaka eingeläutet worden sein. Wenn sich nämlich bestätigt, daß der Valium-Wirkstoff Diazepam das Wachstum bösartiger Geschwulste fördert, bliebe den Arzneibehörden nur ein Verbot dieser Medikamente.

Die Geschichte des Krebsverdachtes gegen Valium & Co. begann im Jahre 1976 im Clinical Research Institute in Montreal, und der Stein kam durch eine eigentlich irrationale Entscheidung ins Rollen. David Horrobin, Leiter der Hormon-Abteilung des Instituts, untersuchte mit einigen Kollegen den Einfluß bestimmter Substanzen auf die Kontraktionsfähigkeit von Muskelzellen in Blutgefäßen. Dabei stellte er fest, daß Diazepam völlig identische Wirkungen zeigt wie jene Verbindungen, denen sein Hauptinteresse galt, sogenannten Phorbolestern. Diese wiederum gelten als Krebs-Promoter; sie sind zwar selbst nicht karzinogen, also krebserzeugend, beschleunigen aber das Wachstum schön vorhandener Tumore. Gilt die Analogie zu Diazepam, so fragte sich Horrobin, auch für diesen Effekt?