Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im März

Valéry Giscard d’Estaing, jetzt auch offiziell Kandidat für seine eigene Nachfolge als Präsident der Französischen Republik, steht vor einem eindrucksvollen Dilemma. Einerseits gehört es zu seinen Aufgaben, für das Wohl der französischen Familie zu sorgen und sie zu möglichst großem Kindersegen anzuspornen. Zum andern hat er aber als Kandidat das dringende Interesse, sich mehr um die unverheirateten Wähler zu kümmern. Denn, so eine natürlich hochseriöse Meinungsumfrage, Junggesellinnen und Junggesellen hegen hartnäckige Sympathien für den Oppositionskandidaten François Mitterrand. Jeder vierte Wähler gehört dieser linkslastigen Kategorie der Unverheirateten an – ein nicht zu verachtendes Potential also.

Je näher der erste Wahlgang vom 26. April rückt, desto heftiger wird Frankreich vom Fieber der Meinungsumfragen geschüttelt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Sondage unters Volk gebracht wird. Kurioserweise passen die Ergebnisse oft erstaunlich gut in die Linie der Blätter, die die Demoskopen bemüht haben. Die erste Umfrage, die Mitterrand als Sieger sah, erschien natürlich in einer linken Zeitung. Konservative Gazetten, denen die Volksmeinung über Giscard zu kritisch ist, geben sich alle Mühe, den letzten positiven Aspekt in die Schlagzeile zu bringen. Frankreich gleicht einer "Republik der Meinungsumfragen". Aber Meinungsumfrage und -mache sind schwer auseinanderzuhalten.

Da bringen etwa die Demoskopen ans Tageslicht, daß lediglich zwei Prozent der Wähler Giscards "Diamantenaffäre" für ernst genug halten, um ihm ihre Stimme zu verweigern. Giscard wäre folglich schlecht beraten, wenn er die (vermutlich kompromittierende) Auskunft darüber geben würde, was hinter den skandalumwitterten Geschenken aus der Hand des Diktators Bokassa wirklich stand. Auch die Gegner des amtierenden Präsidenten werden tunlichst ihre Hände von dem heiklen Thema lassen. Schließlich bringt es ihnen kaum Stimmen ein, die sonst Giscard erhalten hätte. Damit bleibt aber die Debatte über die französische Demokratie auf der Strecke.

Natürlich werden die Umfrageergebnisse in den Hauptquartieren der Kandidaten aufmerksam studiert. Ein kleiner Fehler in der Selbstdarstellung und die Wahlen können verloren sein. Es lohnt sich, daran zu denken, daß die Franzosen in ihrem Präsidenten vor allem einen Chef sehen (35,2 Prozent), der sie aus der Krise führt. Wer sich als Vaterfigur empfiehlt, liegt völlig falsch (3,3 Prozent), auch der Freund (4,4 Prozent) ist nicht gefragt. Natürlich hat jeder der großen Kandidaten einen Fachmann für Public Relations, der darauf bedacht ist, daß sein Klient ein Image entwickelt, das den Erwartungen der Wähler entspricht.

Wenn über 40 Prozent der Wähler zu Protokoll geben, Intelligenz sei die wichtigste Eigenschaft des idealen Präsidenten, dann werden die Imagepfleger wohl kaum von Skrupeln geplagt sein. Auch mit der als wesentlich geforderten Integrität (34,2 Prozent) läßt sich großzügig umgehen. In einem anderen Punkt dagegen war der Wählerwille den Kandidaten bereits Befehl: Der Präsident muß über den Parteien stehen. Giscard zum Beispiel ist so weit gegangen, seinen Anhängern ausdrücklich zu verbieten, ihr Parteisiegel UDF im Wahlkampf einzusetzen. Auch auf den Plakaten mit den Konterfeis von Chirac, Mitterrand und Marchais tauchen keine Parteien auf.