... sprechen Menschen mit den Händen fast mehr als mit dem Mund? "Sprechende Hände" – das ist fast ein geflügeltes Wort – wie zahllose Metaphern, etwa von der Hand, die verdorren oder abfallen möge; auch legen manche Menschen "die Hand ins Feuer".

Wieso nicht den Fuß? Den Arm? Den Popo? Warum ist jemand jemandes "rechte" oder "linke" Hand, nicht sein zweites Gedächtnis, das bessere Auge oder das dritte Ohr? Weshalb ist alles bei den Schauspielern unserer einzigen spannenden Fernsehsendungen, den Sprechern von "Tagesschau" und "Heute", so kontrolliert, exakt, einstudiert – nur die Hände nicht? Die wundervoll gepunkteten Krawatten, die breiten Revers der großkarierten Jacken, das Toupet und die Mimik: alles sitzt, alles geprobt. Und dann plötzlich doch ein Versprecher – kein Lächeln, kein Kopfwiegen, kein – Gott behüte – Witz: Aber die Handflächen werden flehentlich nach außen gedreht. Sprecherinnen fassen sich dann an die Halskette. Man entschuldigt sich mit den Händen, nicht mit der Sprache. Das Drehbleistift-Ballett des einen ist so obligat inzwischen wie die Hand-Daumen-Mimik von Helmut Schmidt oder der Zeigefinger von Kohl, die quietschend-falsche Herzlichkeit, mit der Honecker seinen Chef Breschnjew bei beiden Händen packt, so typisch wie der imitierte angelsächsische Ritus, demzufolge es in der ZEIT verpönt ist, sich die Hand zu geben; man nennt sich Ted und Mike und Joe – und gibt sich nicht die Hand, In den – oft heftigen und streitbaren – Sitzungen hat dafür jeder sein Spielzeug in der Hand: das Feuerzeug, oder den Autoschlüssel, ein Holzplättchen mit Planungsterminen, ein Whisky-Glas oder auch nur ein Zigarillo; denn im Sitzen kann man die Hände schlecht in der Tasche halten. Das wäre das vollendete Schweigen.

Eine Dame, deren Haus berühmt ist für großzügige Gastlichkeit, beginnt ab spätestens Mitternacht mit dem Daumen den Ring am Ringfinger um- und umzudrehen, sonst ganz gelassensouveräne Gastgeberin – und jedermann weiß, jetzt ist es Zeit zu sagen "Was für ein bezaubernder Abend" und sich zu verabschieden. So, wie jeder Theaterbesucher oder Krimi-Fan weiß: Lehnt die Heldin sich mit den Händen an den Türpfosten und blickt schräg zurück, dann bekommt kein Schicksal und kein Regisseur sie durch die Tür, bevor sie nicht den entscheidenden Satz gesagt hat, der alles, alles wendet. Im Western ist es immer der Rächer mit dem breitkrempigen Hut, der, die Türklinke des Saloon oder der Ranch schon in der Hand, sich noch einmal umdreht und sagt "Übrigens, bevor ich’s vergesse ..."; danach wird meist ein bißchen geschossen. Daß das mit der Hand bewerkstelligt wird, ist einzusehen – nur der Autor solcher entscheidungsträchtiger Dialoge schaffte das mit dem Fuß: Ernest Hemingway, als er sich mit der Jagdflinte in den Mund schoß. Seiner Hände Arbeit war getan. F. J. R.