Von Joachim Nawrocki

Wir versichern Dir, lieber Genosse Erich Honecker, daß die Erfüllung und Übererfüllung der übernommenen Aufgaben eine Ehrensache für uns Kraftwerksanlagenbauer ist. Wir werden alle Anstrengungen zur weiteren Stärkung der energiewirtschaftlichen Basis und damit der Leistungskraft unserer Republik unternehmen." So schrieben, auf fast einer ganzen Zeitungsseite, der Generaldirektor sowie die Partei-, Gewerkschafts- und FdJ-Chefs des Kombinats Kraftwerksanlagenbau an SED-Generalsekretär Honecker in einem der vielen Aufrufe, die derzeit zur Vorbereitung des X. SED-Parteitages verfaßt werden.

Die Kraftwerksanlagenbauer haben ihren Lenin gut gelesen, der schon vor sechzig Jahren erkannt hatte, daß Kommunismus die Macht der Sowjets und die Elektrizität erfordere. "Nur durch Elektrifizierung des ganzen Landes, aller Zweige der Industrie und der Landwirtschaft, nur wenn ihr diese Aufgabe löst..., nur dann werdet ihr für euch jene kommunistische Gesellschaft aufbauen, die die alte Generation nicht aufbauen kann", sagte Lenin im Oktober 1920 auf einem Kongreß des kommunistischen Jugendverbandes.

Und fast so ernst wie damals in Rußland ist es jetzt in der DDR. Nur wenn die DDR ihre Energieprobleme löst, kann sie mit weiterem Wachstum oder doch wenigstens mit der Beibehaltung des gegenwärtigen Produktionsniveaus rechnen.

Die Energieprobleme der DDR haben die gleiche Ursache wie überall in West und Ost. Die steigenden Ölpreise zwingen auch die Wirtschaftsfunktionäre der DDR zum Umdenken, obwohl die DDR von Öllieferungen der Opec kaum abhängig ist. Nur rund zehn Prozent ihres Ölbedarfs bezieht die DDR auf den Weltmärkten, neunzig Prozent dagegen von der Sowjetunion.

Von ihrem gesamten Energieverbrauch kann die DDR immerhin 64 Prozent, also fast zwei Drittel, aus eigenem Aufkommen decken, und zwar fast ausschließlich durch die heimische Braunkohle; hinzu kommen ein bißchen Erdgas, etwas Wasserkraft und 100 000 Tonnen Erdöl jährlich. Mit einem so hohen Selbstversorgungsgrad steht die DDR weit besser da als etwa die Bundesrepublik und die meisten Industriestaaten.

Dennoch sind die Ölpreissteigerungen eine schwere Last für die DDR-Wirtschaft. Im Ostblock werden die Ölpreise als Durchschnittspreis der Weltmarktpreise in den letzten fünf Jahren berechnet. Das bedeutet, daß die Ostblockpreise – bei steigender Preistendenz – immer unter den Weltmarktpreisen liegen, ihnen aber konsequent nachfolgen. Die DDR muß für Ölimporte aus der Sowjetunion jetzt zwar 45 Prozent weniger bezahlen als für ihre Einfuhren aus Libyen, aber spätestens 1984 wird Sowjetöl so viel kosten wie das Opec-Öl heute.