Von Ulrich Greiner

Am 6. September 1980 wurde in Zürich der 33 Jahre alte Schriftsteller Reto Hänny, als er in die Demonstration gegen die Schließung des "Autonomen Jugendzentrums" geriet, zusammen mit vielen anderen Beteiligten und Unbeteiligten verhaftet, dabei geschlagen, mißhandelt, beschimpft und unter schändlichen Bedingungen (die man eher mittelamerikanischen Militärdiktaturen zutrauen würde) mehr als zwanzig Stunden festgehalten, schließlich in ein Gefängnis außerhalb der Stadt verbracht und eingesperrt. Dort notierte er: "Ich habe Schreibzeug und die Erinnerung. Mein Gedächtnis ist mir nicht aus dem Gehirn geschlagen worden."

So entsteht Literatur: aus Notwehr, als ohnmächtiges Mittel gegen die Macht. Hänny schreibt auf, was er gesehen, erlebt, gedacht hat. Er gibt ein Protokoll dessen, was seit Sommer vergangenen Jahres unter dem Stichwort "Zürcher Unruhen" im Ausland den Bekanntheitsgrad der "Zürcher Rösti" erlangt, in der Schweiz hingegen das Stadium des bloßen Skandals längst hinter sich gelassen hat. Was in Zürich passiert (und es passiert ja nicht nur dort, sondern auch in Berlin, Bremen, Kopenhagen, Amsterdam und neuerdings in Nürnberg und Wien), ist kein Spaß mehr.

Man kann vermutlich die Labilität des gesellschaftlichen Konsensus an der Unfähigkeit ablesen, Konflikte zu verdauen. In Zürich fing es damit an, daß einige hundert Jugendliche die festlich gekleideten Besucher einer Opernvorstellung dazu zwingen wollten, ihre Forderung nach einem Jugendzentrum anzuhören. Da hätte man noch diskutieren können. Statt dessen gab’s Knüppel, und Steine flogen. Heute herrscht ein Krieg, bei dem es keine Sieger geben kann. Der Zürcher Stadtrat, dem 280 000 Franken für das Jugendzentrum zuviel waren, gab 510 000 Franken für neue Wasserwerfer aus.

Was Hänny in seinem Buch schildert –

Reto Hänny: "Zürich, Anfang September"; es 1079, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1981; 149 S., 7,– DM

ist deshalb so spannend, weil man plötzlich sieht, wo überall Gewalt hervorbricht. Nicht nur, daß sich die Polizei einiges erlaubt, was nicht erlaubt ist, aufschlußreicher noch ist die Reaktion der von Hänny immer so genannten "friedlichen" Bürger, die selbst bis in Parteien und honorigste Institutionen wie die Neue Zürcher Zeitung hinein ein menschenverachtendes Vokabular sprechen und von Lynchjustiz träumen.