Nord III, Montag, 16. März, und Montag, 23. März, jeweils 21.15 Uhr: "Abschied von Tewjes Welt" 2. und 3. Teil einer Dokumentation von Itzchak Pruschnowski und Rudolf Rohlinger

Ein Dank zuvor an die beiden Dokumentaristen Itzchak Pruschnowski und Rudolf Rohlinger: Da haben zwei Filmemacher nicht nur gute Arbeit geleistet, offenbar mühsame Recherchen angestellt, um entlegenes Material aufzufinden – da haben zwei politische Köpfe vor allem Teilnahme an ihrem Thema nicht unterdrückt; ohne klirrendes Pathos oder "Holocaust"-Sentimentalität wird das Panorama einer versunkenen, vernichteten Kultur dargeboten. Jiddisch: ein Begriff wird umkreist, zum Aufscheinen gebracht, der so viel mehr birgt als die seltsame Sprachmischung aus Mittelhochdeutsch und Polnisch, und mit dem so viel mehr untergegangen ist als jene Zärtlichkeit ohne Schmalz, jener Witz voller Selbstironie, die man gemeinhin darunter (miß?)versteht; und die über einen Schnorrer so schön sagen kann: "Er bettelt nicht, er treibt die Wohltat ein." Jiddisch war geistiges Medium für Liebe und Leid, war eine Lebensauffassung, war, längst bevor im 19. Jahrhundert diese Sprache eigenständige Literatur schuf, schon Lebensraum. Je heftiger die Verfolgung (1648 bereits vernichteten die Kosaken 700 jüdische Gemeinden und ermordeten in einem "Holocaust des Mittelalters" 300 000 Menschen) – um so intensiver wurde das geistige Leben; denn das zentrierte sich immer schon um den un-optimistischen Gedanken, den der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer hier in einem Interview formuliert: Man kann nicht viel vom Leben erwarten. Die bittere Kurzformel für eine gemordete Kultur: Geschichte hat kein Gewissen.

Gewiß, diese dreiteilige Fernseh-Dokumentation ist letztlich ein bebilderter "Essay"; wie auch anders. So wirkt manches hilflos wie ein Vortrag mit Dias – wird von den Zentren jüdisch-jiddischer Kultur und Wissenschaft gesprochen, sieht man die Bögen und Säulen der Kathedralen von Worms oder Trier; hört man über die Vernichtungs-Kreuzzüge, kommen mittelalterliche Stiche ins Bild,

Dies ein anderes Verdienst der Serie: Daß von 3,5 Millionen Juden in Polen (ein Drittel der Bevölkerung!) heute dort noch 3500 leben, davon in Warschau – der einst größten jüdischen Gemeinde Europas – 500: das haben nicht nur wir angerichtet. "Jede Ausgabe ist ein Kaddisch – ein Totengebet", sagt tieftraurig der Redakteur der einzigen in Polen erscheinenden, (von 135) übriggebliebenen jiddischen Zeitung "Volksstimme"; Auflage 1500 Exemplare. "Die Räder drehen sich, die Jahre vergehen – und mit ihnen der Jud’" – dieses gar nicht dicktränige, aber melancholische jiddische Lied beschreibt auch die Vernichtungswut des polnischen, des sowjetischen Antisemitismus. Ürigens auch in Israel ist Jiddisch "suspektes Laster", es gibt keinen jiddischen Kibbutz, kein Institut, wo man Jiddisch lernen kann, und außer Schmierenbühnen, wo der Eintrittspreis dem von zwei Tassen Kaffee entspricht, kein ständiges jiddisches Theater im Judenstaat.

"Ein Herz kann weinen ohne Tränen, ein Stein kann wachsen ohne Regen" – viele der vorgetragenen jiddischen Lieder sind so un-blond, daß man ihnen viele Hörer wünscht, die verstehen. Hörer in einem Land der Blonden, in dem allenfalls Chuzpe und Tacheles, meschugge und Tineff, Reibach und Daffke als Partikel der eigenen Sprache noch schamvoll-rudimentär Zeugnis geben vom "Stedtl" und seiner Kultur.

Vielleicht hätte die Sängerin der jiddischen Lieder nicht gerade an einem VW lehnen sollen – manch einer erinnert sich halt doch noch, von wem und wozu dieses Gefährt einst gebaut wurde. "Gojim naches" nennen wir das – aber es wird nicht verraten, was das heißt.

Fritz J. Raddatz