Von Erika Martens

Montag morgen, 9 Uhr 30. Vor dem Werkstor der Hamburger Werft Blohm und Voss: Gut dreitausend behelmte Metallarbeiter quellen langsam auf die Straße. Die orangefarbenen Plaketten am Blaumann signalisieren: Dies ist ein Warnstreik.

"Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn", spielen dröhnend die Lautsprecher am VW-Bus der IG Metall außerhalb des Werksgeländes. Auf diesen Bus fließt der Menschenstrom zu. Vorneweg skandiert ein Grüppchen: "Wir Metaller machen Dampf, gerechten Lohn gibt’s nur durch Kampf." Andere tragen selbstgemalte Plakate. Noch ein paar flotte Lieder zum Einstimmen, dann haben die Funktionäre das Wort.

Johannes Müllner, der 1. Bevollmächtigte der Hamburger IG-Metall-Verwaltungsstelle, heizt den Streikenden ein: "Metaller", ruft er unter tosendem Beifall in die Menge, "lassen sich nicht ungestraft provozieren." Und: "Wer Wind sät, muß mit Sturm rechnen."

Mit lauten "Pfui"-Rufen machen die Streikenden ihrer Empörung über das "2,5-Prozent-Diktat" der Arbeitgeber Luft. Aber: Es darf auch gelacht werden. Zum Beispiel, als Müllner radebrechend den türkischen Kollegen die Kernsätze seiner Rede in ihrer Landessprache wiederholt. Des Claqueurs auf der Laderampe des VW-Busses bedarf es eigentlich gar nicht. Die Türken füllen in ihrer Begeisterung jede Atempause des Redners mit stürmischem Beifall. Nach einer dreiviertel Stunde und weiteren aufmunternden Reden trollen sich die Arbeiter wieder zurück ins Werk. Der Warnstreik ist zu Ende.

"Zu dieser Stunde", hatte ihnen Sekretär Peter Meltzer zu Beginn stolz zugerufen, "sind in ganz Norddeutschland mindestens 25 000 Metaller im Warnstreik." Und im gesamten Bundesgebiet legen an diesem Montag nach Angaben der IG Metall rund hunderttausend Beschäftigte der Metallindustrie die Arbeit nieder.

Bei den Opel-Werken in Rüsselsheim ziehen 20 000 Frauen und Männer vor die Werkstore. Schon in der letzten Woche hatten 120 000 Beschäftigte der sechs inländischen VW-Werke für eine Stunde pausiert. Und bei Daimler-Benz im baden-württembergischen Sindelfingen warfen zwölftausend Mann die Brocken hin und zogen in einem Protestmarsch ins Stadtzentrum. Insgesamt etwa eine halbe Million Arbeiter und Angestellte, Frauen und Jugendliche haben so in den letzten Tagen für höhere Löhne und gegen die Tarifpolitik der Metall-Arbeitgeber protestiert.