Karl Otto Pöhl tritt weg vom Fenster, senkt die schweren Lider und zuckt mit den Schultern: "Daß jemand schon so bald die Logik unserer neuen Geldpolitik würde nachvollziehen und ihr Geheimnis ergründen können – ich hätte es nie gedacht." Was den Chef der Notenbank so sehr betrübt, meldete die Tagesschau am letzten Mittwoch: Das Lombardfenster der Deutschen Bundesbank war entdeckt worden.

Wochenlang hatten sich interessierte Laien, vor allem aber die Geldmarktexperten der Banken gefragt, welches der 2840 Fenster am Frankfurter Hauptgebäude der Notenbank (ohne Gästehaus und Geldverbrennungsanlage) denn eigentlich das ominöse Lombardfenster sei. Durch dessen unstetes öffnen und Schließen hat die Zentralbank in jüngster Zeit beweisen können, daß sie es an ökonomischer Originalität durchaus mit Altmeistern wie Ronald Reagan und Dagobert Duck aufnehmen kann. Nun war es heraus: Das Fenster liegt im Erdgeschoß, siebtes von links.

Angefangen hatte alles am 19. Februar. An jenem Tag beschloß der Zentralbankrat, den Banken die Refinanzierung über Lombardkredite zu sperren. Doch aus Motiven, über die Karl Otto Pöhl den Mantel des Schweigens hängt, hat die Notenbank in den folgenden Tagen das Lombardfenster immer mal wieder vorübergehend geöffnet. Die Zinsen am Geldmarkt bewegten sich folglich wie ein Jo-Jo auf und ab. In den Vorstandsetagen der Geschäftsbanken, wucherte deshalb neben dem Zins auch die Verzweiflung.

In den frühen Abendstunden des 27. Februar war dann der Bundesfinanzminister in flagranti und den Grünanlagen vor dem Haus der Bundesbank ertappt worden. Durch eine handgestrickte, apfelsinenfarbene Pudelmütze nur stümperhaft als zu Streichen aufgelegter Lausebengel getarnt, hatte er mit einer sogenannten Zwille eine Fensterscheibe im Erdgeschoß der Bundesbank zerschossen – offenbar in der Hoffnung, das Lombardfenster zu treffen und durch seine gewaltsame Öffnung für mehr Liquidität im Bankensystem zu sorgen. Vertan. Die zerschossene Fensterscheibe sorgte lediglich für empfindlichen Durchzug auf der Damentoilette.

Doch mit jener publizierten Missetat wurde die Suche nach dem Lombardfenster zur Volksbewegung. Die Lösung kam schließlich vom Bundesrechnungshof. In einer Fußnote seiner letztjährigen "Bemerkungen zur Bundeshaushaltsrechnung hatte er kritisiert, daß sämtliche 2840 Fenster der Bundesbank mit Isolierverglasung versehen waren. Da das Lombardfenster zu jener Zeit noch ständig offen war, hatten die Rechnungsprüfer notiert: "Eine wärmesparende Ausstattung des Lombardfensters der Deutschen Bundesbank erscheint deshalb als überflüssig und ist als Verstoß gegen die Prinzipien sparsamer Haushaltsführung zu werten." Um dem Monitum des Rechnungshofes Genüge zu tun, hatte der Hausmeister der Bundesbank die Handwerker kommen lassen. Seither ist das Lombardfenster die einzige Fensteröffnung im Notenbankhaus ohne Doppelverglasung. Scharfen Reporteraugen war es schließlich ein leichtes, jenes Fenster zu entdecken.

Doch Karl Otto Pöhl will sich nicht entmutigen lassen. Das Kinn trotzig vorgereckt, faßt er entschlossen den Fenstergriff und läßt frische Luft herein. Dann tritt er hinaus auf den Korridor. Ohne die Tür zum Lombardzimmer hinter sich zu schließen, geht er die drei Dutzend Schritte zu der türgroßen, ungesicherten Öffnung in der Wand neben dem Fahrstuhl. Kühn blickt er in den tiefen, schwarzen Zinsschacht und sagt: "Weg isser."

Er wendet sich um, und mit der selbstzufriedenen Miene eines Mannes, der weiß, was er tut, läßt er uns teilhaben an seiner Weisheit: "Tja – es funktioniert immer noch. Wenn ich das Lombardfenster öffne, zieht’s. Den Zins nach unten nämlich." Spricht’s und schließt das Fenster wieder.

Wolfgang Gehrmann