Wir waren schon immer eine Patrizierstadt, wir waren schon immer was besonderes ... wir haben gelacht über den Pöbel, der den brotverteuernden Bäckern die Backstuben stürmte vor 300 Jahren, wir haben gelacht, als die schwarzweißroten Fahnen so gut zu unserem gotischen Putz paßten, wir haben den Polizeipräsidenten gewähren lassen, der Juden immerhin in plombierten Zügen zur spanisch-portugiesischen Grenze abtransportieren ließ ... ein paar tanzen auch hier immer aus der Reihe ... stellen! sich auf die grünen Hinterfüße gegen Amibunker im Reichswald, gegen Überwachung von Wohngemeinschaften... – und wenn einer zu frech wird, werfen wir ihn hinaus, wie Albrecht Dürers Meisterschüler.

Der 1943 geborene, in Nürnberg lebende Schriftsteller Godehard Schramm in seinem "Litanei" genannten "Nürnberger Rauschgoldengel", erschienen im eben ausgelieferten Heft 5 der "Nürnberger Blätter für Literatur" (Verlag Gerhard Wagner, Friedrichstraße 57, 85 Nürnberg).

Oh Thalia, da du hangest

Was dem Deutschen Schauspielhaus recht, ist dem Thalia-Theater billig, sagt sich der neue Intendant Peter Striebeck. So spielt er in immer kürzeren Abständen das fatale Erfolgsstück der Konkurrenz während der letzten Jahre nach: Theaterkrise. Noch ehe Striebeck auf Boy Goberts Thron Platz nehmen konnte, brachte er sein Haus in die Schlagzeilen. Sein Plan, mit den Regisseuren Dieter Giesing und Peter Palitzsch dem Haus künstlerisches Ansehen zu geben, scheiterte – an der Ängstlichkeit der neuen Leitung vor solchen Mitspielern. Mit Giesing und Palitzsch ging eine Reihe der besten Schauspieler. Weil er weiß, daß er es allein mit einem eher schwächlichen Ensemble nicht schafft, lächelte Striebeck seinem Haus die beiden jungen Regisseure Michael Gruner und Benjamin Korn an, dessen Inszenierung von Marieluise Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt" zum Theatertreffen im Mai nach Berlin eingeladen wurde. Als auch aus diesen Plänen der Erneuerung nichts wurde, reiste Striebeck nach Bremen: Dort mochte die Truppe um den Regisseur Frank-Patrick Steckel, den Bühnenbildner Johannes Schütz, den Dramaturgen Wolfgang Wiens unter unzumutbaren Bedingungen nicht länger spielen. Mit Striebeck plante die Gruppe, zu der 13 Schauspieler zählen, die kommende Spielzeit schon bis in die Termine von Bauproben. Doch wieder ließen Striebeck und sein Hasenfuß von Verwaltungsdirektor, Vogel, alle Verträge platzen. Angst vor künstlerischer Konkurrenz? Bis zum Redaktionsschluß dieser Ausgabe war aus dem Thalia-Theater kein Kommentar zu bekommen. Auch das spricht nicht für Entscheidungsfreude. Trübe Aussicht: Die traurige Komödie "Theaterkrise" wird am Thalia en suite gespielt.

ZDF geht auf Distanz

"Fassbinder ins Feuer?" hieß, eine Glosse von Hans C. Blumenberg in der ZEIT Nr. 11, in der kritisch von der Fernseh-Fastnacht im ZDF die Rede war. Dort hatte ein Büttenredner die Verbrennung von Fassbinders Alexanderplatz Film vorgeschlagen. Jetzt geht auch das ZDF auf Distanz zu dieser Sendung. Der Pressechef des ZDF, Fritz Hufen, schreibt uns: "Tatsächlich hat der Büttenredner, von dem Sie sprechen, live in der sendung gegen alle Vorabspracheu mit der Redaktion seinen Text. persönlich verähdert und verschärft. Das ZDF distanziert sich nachdrücklich vor Allein von dem von Ihnen selbst zitierten Schlußsatz des Büttenredners. Es hätte diesen Satz, der in dem vorbesprochenen Manuskript nicht vorkam, unter keinen Umständen geduldet. In der Live-Aufzeichnung selbst bestand von Seiten der Redaktion her keine Möglichkeit mehr, diesen Satz zu verhindern, zumal er ihr ja nicht bekannt war. Daß Politiker und andere Prominente nicht deutlich reagiert haben, mag daran liegen, daß er im Lärm des Saales für die unmittelbaren Zuschauer in dieser Form weitgehend untergegangen ist." Über den letzten Satz dieser Stellungnahme könnte man sicher eine Weile nachdenken.

Mies van der Rohe-Preis

Es liest sich wie ein trotziger Protest gegen die sogenannte post-moderne Architektur der Gegenwart: Am 1. Juni wird zum erstenmal der (später jährlich zu vergebende) Mies van der Rohe-Preis verliehen. Zum Andenken an den stilbildenden Stahl- und Glasbau-Architekten vom Fachverband Flachglasindustrie gestiftet, sollen damit Bauten ausgezeichnet werden, die in Erscheinungsbild und Funktionalität "den Entwurfsprinzipien Mies van der Rohes entsprechen". Neben dem Hauptpreis von 30 000 Mark sind 25 000 Mark für Anerkennungen vorgesehen. – Zwei Wochen vorher eröffnet, unabhängig davon, das Museum Haus Lange in Krefeld eine große. Mies van der Rohe-Ausstellung.