Genscher vor Schmidt

Für die Bonner ist der Jahrmarkt der Eitelkeiten bedeutsam, für FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher war er von jeher von besonderem Gewicht. So genau wie er beobachtet kein zweiter die demoskopische Popularitätskurve. Über die neuesten Nachrichten muß er sich sehr gefreut haben. Genscher hat sich zwar auf einer Plus-Minus-Beliebtheitsskala während der letzten Monate auf seinem hohen Rang – 2,2 Punkte – gehalten; aber Helmut Schmidt ist, so Infratest, von 2,7 Punkten im letzten Sommer über 2,4 im Dezember auf 2,1 gesunken. Der Vizekanzler hat damit den Kanzler erstmals überrundet. Eine ähnliche Tendenz zeigt eine ZDF-Umfrage, nur liegt Schmidt hier noch ganz knapp vorn. Die Ursachen? Die einfachste Antwort hat Bild gegeben: "SPD nörgelt den Kanzler kaputt." Schmidt wird das ähnlich sehen. In der SPD gibt es auch eine andere Version: Schmidts weniger integrativer Stil während der letzten Monate zeige Folgen.

Taiyuan – ein chinesisches Danzig

Nach den jahrelangen Wirren der Kulturrevolution kommen auf China jetzt offensichtlich soziale Unruhen zu, die im Kern den polnischen August-Streiks gleichen. In Taiyuan, mehrere hundert Kilometer südwestlich von Peking, haben die Arbeiter eines großen Stahlwerks verlangt, "über ihre Zukunft selbst zu bestimmen", das System der "politischen Bürokratie" abzuschaffen und "Freiheit und Demokratie" einzuführen. Neben unabhängigen Gewerkschaften wie in Polen verlangten die Arbeiter eine "Regierung der Vereinigung" an Stelle der "Herrschaft einer einzigen Partei". Ähnliche Förderungen sind in jüngster Zeit auch bei Diskussionen in anderen Städten angeklungen. Die chinesischen Behörden schätzen die eigene Arbeiterbewegung so ein wie der Kreml die polnische: als "Konterrevolution".

Neue Demokratie – Fall zwei

Chile hat einen Nachbarn für seine Politik gewonnen: In Bolivien wurde das "Kabinett der institutionellen Öffnung" vereidigt, das als Ziel "die Schaffung der Grundlagen einer neuen Demokratie" anstrebt. Dies sei und bleibe die "historische Aufgabe der Streitkräfte", die sich zu "klaren demokratischen Idealen" bekennen. Außenminister Rolon Anaya betonte mehrfach, daß sein Land die "ungerechte Isolation" überwinden müsse – was im Falle Chile leicht wäre, gäbe es da nicht die bolivianischen Ansprüche auf einen Pazifik-Zugang: Diese "geheiligten Interessen des Vaterlandes" stoßen sich mit dem harten "Nein" Santiagos, über eine Rückgabe der 1879 eroberten Gebiete zu verhandeln.

Pinguine contra Erdöl

Das letzte Rohstoff-Reservoir soll seine Schätze freigeben: Im Juni versammeln sich die Mitgliedsstaaten des Antarktis-Vertrages in Buenos Aires. Die bislang 13 Staaten haben auf dem Vorbereitungstreffen die Hauptpunkte beraten: Aufnahme neuer Mitglieder, Verbesserung des Fernmeldewesens – und Nutzung der Bodenschätze. Außerdem, so hieß es enthüllend, wolle man auch die Konvention über die Erhaltung der antarktischen Tierwelt beraten.