Ist der Zinsanstieg in der Bundesrepublik gestoppt oder nur unterbrochen? Darauf gibt es zur Zeit zwar noch keine zuverlässige Antwort, aber die letzten Tage haben gezeigt, daß bei den Sparern Geld lockerzumachen ist, wenn die Zinsen "stimmen". Das Erscheinen einjähriger Schuldverschreibungen zu einem Nominalzinssatz von zwölf Prozent hat eine Anlagewelle in Bewegung gesetzt, die von den Kreditinstituten nur mit letzter Kraft bewältigt werden konnte.

Da gleichzeitig der Bund seine fällige Anleihe verschob und ein Schuldscheinangebot zu Superzinsen zurückzog, trat das ein, was seit Monaten nicht mehr der Fall gewesen war: Materialmangel! Es wurde auf andere Papiere mit hohen Renditen ausgewichen, deren Kurse sich sofort nach oben in Bewegung setzten. Das Aufwärtstempo beschleunigte sich, als dann institutionelle Gruppen auf den fahrenden Rentenzug sprangen. Auch Ausländer wollten plötzlich die hohen Renditen nutzen.

Und damit war das erreicht, was die Bundesbank mit ihrer harten zinspolitischen Linie angepeilt hatte, nämlich ein Zinsniveau, das Ausländer als attraktiv ansehen. Der Erfolg läßt sich an den Devisenkursen ablesen. Innerhalb des Europäischen Währungssystems hat sich die Mark aus dem Kreis der abwertungsverdächtigen Währungen entfernt und nimmt jetzt wieder eine Spitzenstellung ein.

In den Börsensälen gibt es indessen niemand, der an eine nachhaltige Zinssenkung glaubt. Dazu ist der Kapitalbedarf der öffentlichen Hände zu groß. Der Fiskus muß Woche für Woche zwei Milliarden Mark auf dem Kapitalmarkt aufnehmen. Das wird mit Sicherheit immer wieder zu Verklemmungen führen, auch wenn es dem Bundesfinanzminister gelingen sollte, hin und wieder Milliarden von Saudi-Arabien zu pumpen, von dem Land, dem die Bundesregierung. die Lieferung von Panzern gern verweigern möchte.

Daß die feste Tendenz des Rentenmarktes auf den Aktienmarkt überschwappte, war zu erwarten. Hier hatten die Ausländer ihre Käufe übrigens nie eingestellt, sondern den hohen Dollarkurs dazu benutzt, "preiswert" deutsche Spitzenpapiere zu erwerben.

Ob deutsche Aktien allerdings tatsächlich preiswert sind, ist eine Streitfrage. "Möglicherweise wird sich schon bald angesichts von Nachrichten über sinkende Kapazitätsauslastungen in der Industrie, Produktionskürzungen, nicht konjunkturgerechter Lohnabschlüsse, Druck auf die Unternehmensgewinne etc. herausstellen, daß ein Teil der negativen Zukunft noch nicht eskomptiert ist", warnt die Westdeutsche Landesbank ihre Kundschaft.

Anderer Ansicht ist die Norddeutsche Landesbank in Hannover: "Was man heute kaufen sollte, sind deutsche Aktien, weil sie zu Billigpreisen zu haben sind – das deutsche Aktienkursniveau ist heute so hoch wie vor 20 Jahren. Nach der Kumulation negativer Faktoren, wie wir sie zur Zeit erleben, sind die Aussichten auf eine Besserung der Nachrichtenlage in absehbarer Zeit durchaus günstig."

Ob die "Nachrichtenlage" in den kommenden Wochen tatsächlich Lichtblicke aufweisen wird, ist keineswegs sicher. Aber kommt es wirklich darauf allein an? In England gibt es wirtschaftliche Hiobsbotschaften am laufenden Band, und dennoch sind die Aktienkurse dort seit Jahresbeginn um etwa fünf Prozent gestiegen (in Italien sogar um 37 Prozent!). Solange die Bundesbank an ihrem jetzigen Kurs festhält, besteht zumindest die Aussicht auf eine nachhaltige Besserung der Konjunktur im kommenden Jahr. Die Warten zeit könnte durch flankierende Maßnahmen der Bundesregierung (Abbau der Investitionshemmnisse) zwar verkürzt werden. Damit ist angesichts der politischen Situation jedoch kaum zu rechnen. Kurt Wendt