In der Bundesrepublik ist das Interesse an Auslands-Tätigkeiten zu gering

Von Paul Frank

Schon dem Reichskanzler Fürst von Bülow hatte sich ein Seufzer entrungen, als er sich vor dem Ersten Weltkrieg mit Fragen der Reform und der Ausbildung des auswärtigen Dienstes beschäftigte. Mit den Worten "Mein" Herren, wir leben nicht mehr in der Zeit der Heiligen Allianz!" wollte er dem Reichstag die Dringlichkeit von Maßnahmen vor Augen führen, durch die der auswärtige Dienst des Deutschen Reiches modernisiert und seine Mitglieder für ihre Tätigkeit im Ausland besser vorbereitet werden sollten.

Das Problem hat trotz der Bemühungen des Fürsten von Bülow an Aktualität nicht verloren. Es stellt sich heute in noch größerer Dringlichkeit und in unvergleichlich größerer Breite. Die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg hat zu einer internationalen Verflechtung aller Lebensbereiche geführt. Sie ist wie ein Netz global über den Erdball gespannt und berührt fast jede Art gesellschaftlicher Tätigkeit. Internationale Organisationen, Behörden und Großfirmen sind entstanden, die für das politische und materielle Wohl der Staaten mitbestimmend sind – auch wenn diese sich des neuen Sachverhalts zumeist nicht in vollem Umfange bewußt sind.

In den internationalen Gremien findet ein großer Teil der Interessenkämpfe statt, die früher auf bilateraler Ebene ausgetragen wurden. Wer dort "mitmischt", kann für sein Land im Zwischenfeld der internationalen Verwaltung konkrete Vorteile herausholen, noch bevor die politischen Instanzen darüber beraten können. Wer dort versagt oder gar abwesend ist, verursacht seinem Entsendestaat oder seiner Entsendefirma nur Kosten.

Es lohnt sich also, über die Frage nachzudenken, ob die Deutschen, die in irgendeiner Weise das Interesse der Bundesrepublik Deutschland im Ausland und in internationalen Organisationen wahrzunehmen haben, dafür zweckmäßig und ausreichend vorbereitet sind. Ja, es stellt sich die ebenso schwierige Frage, bis zu welchem Grade ein Mensch überhaupt für Tätigkeiten im Ausland "ausgebildet" werden kann, oder ob er die entscheidenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche internationale Tätigkeit nicht selbst mitbringen muß.

In der Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e. V. in Bonn ist jetzt eine Arbeit erschienen, in der Angelika Volle die Ergebnisse einer von der Stiftung Volkswagenwerk gefördenen Untersuchung über den Stand der Ausbildung für internationale Tätigkeiten vorlegt: