Von Heinz Josef Herbort

Herr Foldes, Sie waren einer der ersten Pianisten, die in ihren Konzerten Musik von Béla Bartók spielten – wie haben da seinerzeit Veranstalter und Publikum reagiert?

ANDOR FOLDES: Vielleicht ist eine Episode ganz aufschlußreich. Als ich sechzehneinhalb Jahre alt war, hatten meine Eltern für mich ein Konzert in Wien Arrangiert auf eigenes Risiko. Mein Vater kannte in Wien einen reichen Mann, der im Rufe stand, ein Mäzen zu sein. Er wünschte, mich kennenzulernen – wenn ich ihm zusagte, wollte er zweihundert Karten kaufen und an seine Freunde verschenken. Damit wäre das Risiko erledigt gewesen. Ich spielte ihm vor, und er war fast schon entschlossen, uns zu helfen. Wir wollten fast gehen, da fragte er nach dem Programm. Als er am Ende den Namen Bartók hörte, drängte er auf Änderung. Ich sagte damals: "Bartók bleibt." Da hat er sich abrupt verabschiedet. Aber er war wenigstens im Konzert – und mußte mit anhören und ansehen, daß die Leute keineswegs sich die Ohren zuhielten und den Saal verließen.

Was reizte einen Sechzehnjährigen, sich für Bartóksche Musik einzusetzen?

A. F.: Am Anfang habe ich Bartók wahrscheinlich in erster Linie als den großen Erneuerer verehrt, bewundert. Bartók-Spiel war für mich eine Art sozialer Protest. Das habe ich damals zwar nicht gewußt, damals gab es solche Begriffe noch nicht, Aber wie die heutige und gestrige Jugend auf die Straße ging mit Spruchbändern, wollte auch ich Etwas Neues: Ich wurde komfortabel in einer Mittelstandsfamilie aufgezogen als einziges Kind. Ich konnte alles haben, was man in bürgerlichen Familien einem Kind bieten konnte. Aber irgendwo gefiel, mir diese heile musikalische Welt, die von Bach bis Liszt ging und wo Debussy schon etwas suspekt war, nicht mehr. Sie dürfen nicht vergessen: das war Ende der zwanziger Jahre, es gärte in der ganzen Welt, man befand sich in der Weltwirtschaftskrise. Mit dieser sozialen Realität hatte die Musik, mit der ich aufwuchs, nicht viel zu tun. Wir wollten etwas anderes.

Und ein zweites kommt hinzu: Es gab damals jene Bewegung, in der wichtige ungarische Schriftsteller aufs Land gingen und anfingen, die Bauern zu interviewen, die Kleinbauern, die kaum das Lebensnotwendige besaßen oder ernteten. Diese Bewegung fiel zusammen mit jener Bemühung von Bartók und Kodaly, die an die zehntausend ungarische Volkslieder gesammelt haben. Plötzlich kam hier ein großes Kulturgut wieder zum Vorschein. Damals hat man erkannt, daß in dieser Musik eine ungeheure Potenz lag, mit der außerordentlich viel zu machen war, daß damit das ganze Musikschaffen umstrukturiert werden konnte.

Hat Bartók sich "bewußt" gegen die damals herrschenden musikalischen Strömungen gewandt?