Die Feststellung von Bundesdisziplinaranwalt Hans Rudolf Claussen, der Griff zur Flasche unter den Bundesbediensteten sei nach wie vor besorgniserregend – 66 Prozent aller Dienstverfehlungen geht auf das Konto der Alkoholschlucker im Dienst – hat in der Öffentlichkeit weniger Empörung ausgelöst, als Claussens Kritik daran, daß die Postbeamten, die sich am Poststreik vom vergangenen Herbst beteiligt hatten, nicht disziplinarisch zur Rechenschaft gezogen wurden.

Indirekt hatte Claussen auch Postminister Kurt Gscheidle gerügt, weil der seine nachgeordneten Behörden gebeten hatte, im Interesse des Betriebsfriedens von Maßregelungen gegen streikende Beamte abzusehen.

Wegen der Claussen-Kritik ging DGB-Vorstandsmitglied Gerhard Schmidt mit dem Disziplinaranwalt hart ins Gerichts "Mit seiner offensichtlich von vordemokratischer Grundhaltung geprägten Forderung, soziale Konflikte im öffentlichen Dienst durch Strafandrohung zu lösen, stellt Bundesdisziplinaranwalt Claussen seine nur im Bundesdienst bekannte Institution allmählich selbst in Frage." Der stellvertretende Vorsitzende der Postgewerkschaft, Hans Esders, forderte Innenminister Gerhart Baum sogar auf, Claussen zurückzupfeifen, weil der sein Amt als eine Art "Oberminister, der auch zuständige Bundesminister anzuweisen hat", gründlich mißverstanden habe.

Schmidt und Esders übersahen indes, daß Claussen die falsche Adresse ist. Er hat sich nur an die geltenden Vorschriften, die Bundesdisziplinarordnung, gehalten. Und die sieht, zwingend eine Ermittlung gegen streikende Beamte vor.

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Selbstsicherheit, Gelassenheit, wie auch demokratisches Selbstverständnis täte dem DGB manchmal besser. Das jüngste Negativbeispiel: Das Dritte Fernsehprogramm des WDR hatte die DGB-Vorstandsmitglieder Heinz Oskar Vetter, Gerd Muhr, Maria Weber und Alois Pfeiffer, Mitte Februar für Montag, 16. März zu einer Diskussionsrunde "DGB – wohin?" eingeladen, um mit Wissenschaftlern und Politikern die Ergebnisse des jüngsten DGB-Programmkongresses zu diskutieren.

Wenige Tage vor der Sendung schickte der DGB eine Absage. Grund war die auch dem DGB seit Wochen bekannte Teilnahme von Dominikaner-Pater Basilius Streithofen vom Gesellschaftswissenschaftlichen Institut Walberberg. Die DGB-Begründung: "Herr Dr. Streithofen ist ideologischer Vertreter einer gegen den DGB angetretenen Richtungsgewerkschaft. Es ist daher nicht zumutbar, ihn als Diskussionspartner über unser neues Grundsatzprogramm zu akzeptieren. Er ist für uns in diesem Fall nicht Wissenschaftler, sondern Partei."