Auf die "Propaganda der Tat" verstehen sich die deutschen Terroristen allemal: Brandanschlag auf die Wohnung eines Heidelberger Bild-Journalisten – Parolen an der Kuppel der Hamburger Universität – Benzinbombe gegen das Berliner Reichstagsgebäude: Solchermaßen wollten Anhänger der "Rote Armee-Fraktion" (RAF), der "Bewegung 2. Juni" und der Revolutionären Zellen um den Wochenwechsel die Augen der Öffentlichkeit auf den Hungerstreik lenken, der Anfang Februar von rechtskräftig verurteilten oder mutmaßlichen Terroristen in deutschen, österreichischen und schweizerischen Gefängnissen eingeleitet wurde. Bis Anfang dieser Woche hatte ein großer Teil der Häftlinge den Streik abgebrochen – doch verweigerte ein gutes Dutzend weiterhin jede Nahrungsaufnahme. Etliche wurden zwangsweise ernährt, weil sie in Lebensgefahr schwebten.

Die Ziele des Hungerstreiks sind unterschiedlich. Doch alle wollen bessere Haftbedingungen erreichen. Sie lehnen sich auf gegen Einzelhaft, gegen die Isolierung in Kleinstgruppen, gegen die Unterbringung in "Hochsicherheitstrakts" wie in Berlin ("die brutalste Form") – sie wehren sich gegen die vollkommene akustische wie optische Überwachung in schalldichten Räumen ohne Frischluft und natürliches Licht, und sie möchten in Gruppen von mindestens fünfzehn Häftlingen zusammengeschlossen werden.

Nicht alle sind solchen Bedingungen ausgesetzt, die abzuschaffen amnesty international eben erst wieder in seinem Jahresbericht 1980 gefordert hat. In Hessen zum Beispiel sind die Häftlinge in den normalen Strafvollzug eingegliedert – dort wurde also nur aus Solidarität mitgestreikt. In Berlin wird mit den Häftlingen und Anwälten über Hafterleichterungen verhandelt. In Nordrhein-Westfalen hat man einigen Gefangenen Hilfe bei der Resozialisierung angeboten, doch nicht alle lassen sich von den Behörden ansprechen. Immerhin sind sogar dem Bundeskriminalamt Bedenken gekommen, ob nicht die "Trakte" das Gegenteil von "Hochsicherheit" erreichen, nämlich die allgemeine Sicherheit verringern, weil die Empörung über die "Isolationsfolter" aufs neue junge Menschen der Terrorbewegung zutreibt.

Ohnedies bereitet jeder Hungerstreik den Behörden Pein, weil er in der Öffentlichkeit sofort wieder die Diskussion über die Zwangsernährung aufleben läßt. Man weiß aus Umfragen, daß etwa zwei Drittel der Bevölkerung der Devise Sterben lassen" zusammen würden. Doch das Strafvollzugsgesetz schreibt vor, daß bei akuter Lebensgefahr ein freiwillig hungernder Gefangener unter Zwang, also mittels eines Schlauches, ernährt werden muß. Für Ärzte und Vollzugsbeamten ist diese unwürdige Prozedur, zumal bei körperlichem Widerstand, eine schlimme Zumutung, für die Gefangenen ein fortgesetzter Akt nackter Gewalt, vergleichbar mittelalterlichen Folterszenen oder inhumanen Schockbehandlungen in Irrenanstalten.

Wofür sich die Behörden auch entscheiden – für die keineswegs ungefährliche Zwangsernährung oder für das von vornherein einkalkulierte Todesrisiko –, dem Folter- oder Mordvorwurf werden sie nicht entgehen. Rufschädigend für die Bundesrepublik bleibt die Sache so oder so. Darum werden die Behörden abwägen müssen, ob es in dieser aufgewühlten Zeit der Hausbesetzungen und Anti-Atom-Demonstrationen noch zu verantworten ist, um perfektionistischer Sicherheit wegen ein solches Risiko auf sich zu nehmen,

Zur Unnachgiebigkeit entschlossen sind sie jedoch angesichts der weitergehenden Ziele der RAF: Anerkennung des Kriegsgefangenen-Status für inhaftierte Staatguerrilleros und Zusammenlegung aller Häftlinge an einem Ort. Was damit bezweckt wird, hat Margit Schiller in der Tageszeitung unumwunden ausgesprochen: Man will "diesem Staat an dieser Stelle endlich eine Niederlage zufügen und so den Zerfallsprozeß der SPD und dieser Regierung beschleunigen", kj.