ARD, Sonntag, 15. März: "Zeugen – Aussagen zum Mord in einem Volk", erster Teil eines zweiteiligen Films von Karl Fruchtmann

Wie eine Litanei klang es, wie ein Trauergesang, ein Gebet, das ein unbekannter Mann mit geschlossenen Augen sprach: "Ermordet wurde meine Frau, zusammen mit unseren Töchtern, Mirjam, 17 Jahre alt, und Sulamith, die war 14. Ermordet wurden die Schwestern vom Hause Dattner zusammen mit ihren Gemahlen."

Zwei Stunden lang berichteten Menschen, die überlebt haben, von Auschwitz, berichteten in gebrochenem Deutsch und auf Jiddisch, in der wohlklingenden Sprache des gebildeten jüdischen Bürgertums und in der schlichten Redensart einfacher Menschen – und plötzlich geschah etwas Ungeheueres: Ohne ihre Individualität zu verlieren, wurden die einzelnen zu Sprechern in einem gewaltigen Chor, zu Stellvertretern der Ermordeten, und die Erinnerung eines Juden in Israel oder einer Jüdin aus Polen wir die Erinnerung eines Volks. Wenn geweint wurde, weil sich ein Mann die Todesqualen vorstellte, die seine Mutter durchgemacht haben mußte, in den Minuten vor der Ermordung, oder weil eine Frau noch einmal den SS-Mann vor sich sah, der einen Hund auf sie hetzte, damit sie mit ansah, wie ein kleines Kind zerfleischt wurde, dann zeigte dieses Weinen an: Hier wird nicht nur die Tötung eines Verwandten beschrieben, sondern an die Ermordung eines Volkes erinnert.

Mit großer Behutsamkeit, allen schrillen Effekten abhold, ließ der Autor Karl Fruchtmann von Auschwitz im Stil einer Chronik berichten. Das Grellste und Schauerlichste wurde mit den Mitteln einer sehr leisen und schlichten Ballade – wiedergegeben: Geigen- und Mundharmonikamusik; Bilder vom Lagertor, den Pritschen und den angehäuften Knochen, Taschen, Kleiderfetzen der Getöteten; eine Kreideschrift, ein Rasierpinsel als einzige Hinterlassenschaft; dazwischen, wortlos blickend, die Gesichter der Zeugen: so wurde verdeutlicht, daß die Solisten einem Chor angehörten.

Es war bewegend mit anzusehen, wie hier alle, oft mit gleichen Worten, das gleiche erzählten: "Raus, raus, Judenscheiße, aus den Waggonen!" Und das ganz und gar Eigene in dieser Beschreibung des Links (wohin Alte, Mütter und Kinder zur Vergasung geführt wurden) und des Rechts (wo es zum Frondienst ging): Wie da Mengele Gestalt gewann, ein eleganter Mann mit dem Hund an seiner Seite. Wie die jungen Frauen beschrieben wurden, die einer Mutter beim Tragen der Kinder behilflich waren und deshalb, für einen sekundenschnellen Akt der Hilfsbereitschaft, mit dem Tode bestraft, nach links gehen mußten!

Und schließlich die Sätze, die man nicht mehr vergessen wird: "Wir sahen, wie die Mutter uns vom Waggon aus suchte. Wir erkannten sie, aber sie erkannte uns nicht" und "Dort, an der Rampe, haben wir unseren Vater aus den Augen verloren" und "Sie zogen uns die Schuhe aus, und wir wußten: Wer keine Schuhe mehr hat, der ist schon tot."

Erinnerung an Auschwitz. Danach ein paar Takte Musik. Dann, in den Nachrichten, die Meldung, daß der Bdl-Präsident nach seinem Besuch in Riad erklärte, die deutsche Wirtschaft werde sehr darunter zu leiden haben, wenn die Bundesrepublik keine Panzer nach Saudi-Arabien liefere.

Da stellte ich mir vor, was, beim Anhören dieser Nachricht, einer jener Zeugen denken würde, die in der Sendung Karl Fruchtmann, vor dem wir uns verneigen (denn Danksagen wäre zu wenig und zu unangemessen), erklärten: "Ich bin der Letzte aus einer großen Familie. Die anderen sind alle tot." Momos