Von Barbara Lehnig

Es führen viele Wege in die Innerschweiz. Und durch die hohle Gasse muß nun wirklich niemand mehr kommen. Seit die neue Autobahn Richtung Süden den Vierwaldstättersee links liegen läßt, hofft eine Großgemeinde, aus dem Dunstkreis des dominierenden Fremdenziels Luzern zu rücken: Kriens. Die Stadt der Maskenschnitzer und Fastnachtfeierer möchte ihre Eigenständigkeit zwischen dem weltberühmten Schweizer Berg Pilatus und der weltberühmten Schweizer Stadt Luzern ein wenig profilieren.

Idealer Vertreter ist da der Stocker Josef. Er hat die Ansammlung von Alpbauernhöfen durch seine Aktivitäten als Alphornbauer in die Annalen Helvetiens gebracht. Kriens ist die Wiege des National-Musikinstruments geworden: Alphörner von As bis E werden hier in der einzigen eidgenössischen Serienfabrikation hergestellt.

Spätestens seit Pepe Lienhards Lied von der "Swiss Lady" weiß die Welt: "Nur ein Alphorn klingt so schön." Der Song hat zusätzliche Aufträge gebracht. Aber das Alphornrevival war ohnehin schon zu spüren. Auch für den Stocker Josef, dessen Freude am Hirtenhorn sogar so weit reicht, daß er immer wieder kostenlos Unterricht gibt. Und weil der Seppi sich halt auskennt mit den Nöten bei Notenübungen in einer modernen Großstadt-Kleinwohnung, hat er der Swiss Lady ein Schwesterchen im handlichen Format beigesellt: das Rollalphorn. Es macht die Rollen unter den langgestreckten Originalen überflüssig, denn es ist in sich gerollt. Das "Heim-Übungs-Horn in einem Teil, in allen Stimmungen ab Lager" ist der Ehre des schweizerischen Patentschutzes für würdig befunden worden.

Kriens liegt nur drei Kilometer von Luzern entfernt. Ein paar alte, eigenständige Bauernhäuser sind ihm geblieben. Und ein eigenständiges Handwerk: das Maskenschnitzen. Josef Schnyder ist ein Künstler unter den Holzbildhauern. Was in seinem Keller an skurrilen Fratzen, traditionellen Schreck- und Charaktermasken aus grotesk bemaltem Lindenholz vereint ist, wird lebendig beim Fastnachtstreiben in Kriens und Luzern. Sogar bei der Mainzer Fassenacht ist eine Tragmaske aus Kriens dabei.

Alte Bräuche leben hier weiter. Im Maientunti zum Beispiel, einer phantasievoll aus Weidenstöcken herausgeschnittenen Frauenfratze, die der Angebeteten vors Fenster gestellt wurde. An den langen, zum Haargebilde geflochtenen Weidenruten hing der Liebesbrief – oder die Schmähschrift für die Ungetreue; Sägemehlspuren zum Wohnort des Liebhabers machten die Verbindung für jedermann unübersehbar.

Kriens trug nichts Nennenswertes bei zur Historie der Eidgenossenschaft. Kriens hat außer Schloß Schauensee keine Baudenkmäler, dafür fünf Hotels, Frei- und Hallenbad, Langlauf- und Abfahrtspisten, Skilift,, zahllose Wanderwege und Klettermöglichkeiten. Kriens hat keine ehrwürdige Stätte wie die Tellskapelle oder den Ort des Rütlischwurs. Aber es liegt am Fuß des Berges, der die schönste Aussicht auf all dieses bietet: Kriens ist Talstation der längsten Luftseilbahn Europas, der Pilatusbahn.