Vierzig Jahre nach dem Zusammenbrach des Landes ist in Frankreich ein immer dringlicherer Prozeß der Bewußtseinsbildung in Gang gekommen. Mit der Publikation von Bernard Henri Levys "Ideologie francaise" und der Debatte, die das polemische Buch auslöst, hat diese Entwicklung jetzt" einen Höhepunkt erreicht. Unter den Trümmern des ResistanceMythos, auf dem die Nachkriegsgesellschaft entstand, kommt eine Realität zum Vorschein, die mit den Widerstandslegenden nicht übereinstimmt.

Es begann unter anderem mit Comic Strips, zu deren Lieblingsthemen seit kurzem das Verhalten der Erwachsenen im Krieg gehört. In Straßburg kam in der letzten Spielzeit das Thema "Vichy" erstmals auf die Bühne. Seit Henri Amouroux mit der Publikation seiner "Grande Histoire des Francais sous loccupation" (vier von acht Bänden sind erschienen) begonnen hat und seine Fernseh- wie Rundfunksendungen Rekord Einschaltquoten verzeichnen, sieht sich das Land gezwungen, mit den veränderten Tatsachen fertig zu werben. Noch hemmen starke Abwehrmechanismen die Rückkehr des Verdrängten — sowie handfeste politische und persönliche Interessen., An den zahllosen Resistance Affären, die Frankreich regelmäßig erschüttern, ist vor allem der Konsens des Schweigens, den sie in der sonst völlig zerstrittenen politischen Klasse bewirken, aufschlußreich. Der wenig schmeichelhafte Film "Le Chagrin et la Pitie" von Marcel Ophüls ist zwar in mehreren europäischen Ländern am Bildschirm zu sehen gewesen, nicht aber in Frankreich.

In den Geschichtsbüchern liest sich das etva so: Der französische Faschismus wurde 1940 von den deutschen Panzerdivisionen importiert und einem freiheitstrunkenen, friedliebenden, alle"falls etwas überalterten Volk aufgedrängt, welchem der weise und greise Petain noch Schlimmeres erspart habe. Im "freien" wie im besetztr" Teil des Landes habe eine mächtige Resista i Bewegung aktiv auf die Befreiung hingearbeitet In diesem Bewußtsein trat Frankreich — a Sieger — in die Nachkriegsära ein.

Eine Schlüsselfigur des französischen F?schismus ist Philippe Petain, "le Marechal" — der Sieger von Verdun. Petain, einige Tage nach der Beendigung des Krimkrieges geboren, ein Mann des 19. Jahrhunderts, war, als er an die politische Macht kam, 84 Jahre alt. Nach der Liberation wurde er zum Tode verurteilt, schließlich begnadigt. Er starb sechs Jahre nach Hitler.

Petain, ein Greis — doch, verkörpert er deswegen, wie Alfred Sauvy schreibt, "La France Fatiguee", das (zivilisations)müde Frankreich, das sich für die neue Jugend aus dem barbarischen Osten begeistert? Das hieße, ihn auf eine passive Rolle zu fixieren. Petain, der von einem unglaublichen Volksenthusiasmus gevagen wa , verdanke die Popularität seinem i -., >. "Vi motiroux. Der unbestecV ; "bo vtion, der seinen ?: ? t >, tlrcv nichts oeEchönigenden Spiegel vorhält, zeigt sich noch im nachhinein fasziniert von diesem zeztlosen Mann". Amouroux zeichnet Petain als "ein Modell an Ausgeglichenheit und Gesundheit, das seiner Rasse zur Ehre gereicht".

Dieses Bild, das sich die Nation von Hitlers Sachwalter, wie Umfragen zeigen, noch immer macht, haben die beliebtesten Bestsellerautoren und die größten Dichter des Landes mitgeprägt. Rene" Benjamin, ein katholischer und faschistischer Schriftsteller, dichtete: "Im Alter von &5 Jahren ist er aufrecht, nein, nicht wie ein junger Mann, er ist aufrecht wie sein Gewissen. Sein Schritt ist klar und sein Schnauz vom unbefleckten Weiß der rügend Auch Paul Claudels Petain Hymnen sind verklärend. Paul Valery besang den Marschall noch 1941 in den leicht moralisierenden Tönen des kartesianisch katholischen Frankreich: Er presse seinen Wein alles, was er macht, mit Skrupeln und allergföß tet Sorgfalt". In Philippe Petain, dem erdverbundenen Winzer und Marechal, verehrten das Land und seine Dichter die Inkarnation des frannts>ie zösischen "hon sens", den leg>:tr s" Vertreter es bäuerlichen Frankreich, < !

ie ge. Kepräentation von "Travail, Jan- "" rbeit. miiie. Vaterland) — T n, ; Vater: "" r > i, wie er ksc stische Dichter Charles Aiauivas ihn reierte. Amouroax betitelt den zweiten Band seiner Okkupationsgeschichte "40 Millions de Petainistes" (von damals 41 Millionen Franzosen). Niemand hat die Proportionen bezweifelt. Als einer der ersten meldete der französische Historiker Henri Guillemin Zweifel an der Idylle vom unpolitischen, passiven Petain, der als pflichtbewußter Helfer in der Not die Auswirkungen der "Katastrophe" in Grenzen gehalten habe, an. Guillemin glaubt, im Verhalten des Marschalls eine Strategie der "negativen Machtergreifung" erkennen zu können: Als Petain 1934 erstmals in die Regierung geholt wurde, waren seine politischen Optionen zwar nur wenigen bekannt, aber tatsächlich längst gegeben: Er war Monarchist, überzeugter Antirepublikaner und einer der langjährigsten — sympathisierenden — Abonnenten der rechtsextremen Action franfaise. Guillemin legt Dokumente vor, die darauf hinweisen, dafi Petain und seine Getreuen (insbesondere Laval) im geheimen auf die Niederlage spekulierten und sie herbeisehnten. Aufschlußreich ist Petains Gesinnungswandel: 1935 spricht er sich noch seha i land aus; ein Jahr später findet er es "unvcrslän dich, daß sich zwei Nationen wie Deutschland und Frankreich nicht verstehen sollten", und fordert sogar eine "gemeinsame Politik". An Doumergue schrieb der Marschall 1936: "Können wir die Ordnung ohne Blutvergießen wieder herstellen?" In Frankreich herrschte damals keinerlei Unordnung — es gab nicht einmal Streiks. Aber an der Spitze des Landes stand ein Jude und Sozialist, Leon Blum.