Gleicht die deutsche Wirtschaft einem, fett gewordenen Boxmeister, dem nur noch Doping hilft?

Wer Ausländer nach den besonderen Kennzeichen der Deutschen fragt, bekommt meist Antworten, in denen Fleiß, Pünktlichkeit, Disziplin, aber auch Humorlosigkeit und in jüngster Zeit Pessimismus und Wehleidigkeit vorkommen. Die Sorge, mit der viele Deutsche ihre wirtschaftliche Zukunft betrachten, erscheint vielen Ausländern übertrieben.

Es ist aber auch unverkennbar, daß das Bild der Bundesrepublik als stabiles Land mit dynamischer Wirtschaft, vernünftigen Gewerkschaftern, ideenreichen Managern und zielstrebigen Wirtschaftspolitikern jenseits der Grenzen gelitten hat. Das riesige Defizit in der Zahlungsbilanz, die Unfähigkeit zu einer überzeugenden Energiepolitik, die zeitweilige Schwäche der Mark an den internationalen Devisenbörsen und schließlich das Gejammer über den zunehmenden Wettbewerbsdruck aus Japan haben Zweifel daran aufkommen lassen, ob Westdeutschland immer noch ein wirtschaftlicher Riese ist. Vielen erscheint die Bundesrepublik wie ein alternder Boxmeister, der – ein bißchen fetter und viel langsamer geworden – erschöpft in den Seilen hängt und dabei vor sich hin murmelt, er sei immer noch der Größte. So jedenfalls beschreibt Jonathan Carr in der Londoner Financial Times das neue Deutschland-Bild vieler ausländischer Beobachter.

Carr gab seinem Artikel dennoch die Überschrift: "Das Wunder ist noch nicht vorüber." Zwar sieht auch er die Probleme: Eine viel zu hohe Arbeitslosigkeit, unzureichendes Wirtschaftswachstum, die gewaltige Belastung der Zahlungsbilanz durch die hohe Ölrechnung, die Ausgabenfreude deutscher Auslandstouristen und die Überweisungen der Gastarbeiter. Hinzu komme der Mangel an politischer Führung, der sich bei der Kernenergie am deutlichsten manifestiere. Es sei unter diesen Voraussetzungen kein Problem, ein Horrorszenario für die deutsche Wirtschaft zu entwerfen, meint der Brite. Dazu bedürfe es nur dreier Annahmen:

Erstens: Die Regierung gerät wegen der Arbeitslosigkeit in Panik und versucht, die Wirtschaft mit Hilfe einer gesteigerten Schuldenaufnahme kurzfristig anzukurbeln.

Zweitens: Die Bundesbank lockert ihre Hochzinspolitik zu früh und verursacht dadurch Kapitalabflüsse, ein erneutes Absinken des Mark-Kurses an den internationalen Devisenbörsen sowie zunehmende Inflation.

Drittens: Die Gewerkschaften erzwingen Lohnabschlüsse, die weit über der durch Preissteigerung und Produktivitätsfortschritt gerechtfertigten Steigerungsrate liegen.