Von Manfred Weber

Auch nach dem aufgeregten Getümmel um Richtlinien, Curricula und Programme des politischen Unterrichts in den siebziger Jahren, geht das Geschäft mit der politpädagogischen Literatur noch immer glänzend. Und gar zu einem Selbstläufer und Dauerbrenner ist eine Aufsatzsammlung geraten, in der beinahe alle universitären Vordenker der Sozialkundelehrer und -studenten das Wort erhalten:

Kurt Gerhard Fischer (Hrsg.): "Zum aktuellen Stand der Theorie und Didaktik der politischen Bildung"; J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1980, 266 S., 22,– DM.

Es ist dies die vierte, "überarbeitete und erweiterte Auflage" seit dem ersten Druckjahr 1975. Stolz zählt der Verlag das 22. Tausend. Manchem bedeutenden wissenschaftlichen Werk wäre schon die Hälfte genug.

Ein übriges tut da noch ein Titel, von geheimen Verführern ersonnen: Welcher der Modernität verpflichtete Sozialkundelehrer möchte nicht auf der aktuellen Höhe der Zeit stehen, auch wenn er nach der Lektüre noch immer auf der Stelle tritt; wer liebt schon das flaue Gefühl, von gestern zu sein? Und wenn er, was die Regel ist, im Unterricht mehr Enttäuschung denn Erfolg erlebt, dann ist der "Reader", der "erste Orientierung" andient, mehr als gut angelegtes Geld: er beruhigt auf unerwartete Weise.

Der orientierungslose Ratsucher erfährt in diesem Sammelband jedoch keineswegs, wo es langgeht in der politischen Erziehung. Meinungen und Entwürfe, wie welche Ziele im Unterricht erreicht werden sollen, stehen hintereinander dichtgedrängt wie Autos auf total verstopfter Autobahn. Achtzehn Autoren und nicht viel weniger Unterrichtsrezepte: Sie alle appellieren an den Leser mit gleicher Plausibilität; verräterisch häufig fällt nur die Pädagogenformel: "Meine Konzeption." Wen wundert’s, daß persönliche Vorlieben die Pläneschmiede beherrschen: Da ist die Rede von Demokratisierung, Selbstbestimmung, Partizipation, Menschenbild des Grundgesetzes, Selbstwert, Werterziehung, Rationalität; alles recht unverbunden.

Da orientiert sich der eine Politdidaktiker mehr an Habermas, der nächste an Aristoteles, der übernächste nur an sich selbst, als habe er sein Sach’ auf Nichts gestellt. Und einem gar schwebt Leibniz vor: Vom Anspruch her müßten die Theoretiker der politischen Bildung "über Wissenschaftstheorien ebenso Bescheid wissen wie über das Insgesamt der Sozialwissenschaften, über Pädagogik und Psychologie, und man erwartet von ihnen auch", so weiß beklommen dieser uomo universale, "daß sie Quanten- und Relativitätstheorie einbeziehen können." Das fällt einem Pädagogen natürlich schwer. Weshalb der geneigte Leser mit "Konstrukten des menschlichen Verstandes in pädagogischer Absicht" vorliebnehmen muß: trübes Milchglas, das sich zwischen Bewußtsein und Erfahrung schiebt.