Das Nachwort macht auf eine Unterlassungssünde aufmerksam. Je nach Nachfrage, so heißt es, erscheine Edmund Wilson, der amerikanische Kritiker und Verfasser von rund dreißig Büchern, in der Maske eines Ceram oder eines Curtius. Bald kommen "Die Schriftrollen vom Toten Meer" auf den Markt, bald der vorliegende Essayband, und nicht weniger zufällig ist ein verunglücktes Erzählungswerk "Erinnerungen an Hekates Land" oder "To the Finland Station", eine Historiographie der Revolutionen, veröffentlicht worden. Wilsons Aufsätze zur Literatur, meistens im Tagesgeschäft entstanden, über das Tagesgeschäft aber hinausgreifend, haben nicht einmal sporadisch deutsche Leser erreicht.

"Axels Schloß" enthält eine Reihe von Essays, die, einmal die nicht passende Curtius-Maske aus dem Sinn, Neugier auf Wilsons kritische Schriften wachrufen könnte. Der Titel bezieht sich auf die Behausung des Grafen Axel von Auersperg in Villiers de l’Isle-Adams einstmals berühmtem Roman. Wilson bringt ihn als den Inbegriff der Weltflucht und der nicht nur literarischen Abgliederung ins Spiel, denn daß bei Villiers der ebenfalls bekannt gewordene Satz fällt: "Das Leben? Das besorgen unsere Dienstboten", geschieht nicht aufs geratewohl. Sechs Autoren, denen Wilson Aufsätze widmet, Yeats, Valéry, Eliot, Proust, Joyce und Gertrude Stein, sind in seiner Sicht auf eine vermittelte, mitunter aber auch auf eine direkte Weise mit Villiers verwandt. Allein Rimbaud, dem der Schluß-Essay gewidmet ist, tritt als Antipode auf. Wilson macht sich seine Sache nicht leicht: Dadurch jedoch, daß er sorgfältig den Texten nachgeht, hält er nicht damit hinterm Berg, daß er, bei aller Wertschätzung derart spielerisch brillierender Intelligenzen eine Dimension vermißt. Was er meint, stellt er, mit einer Diachronie und abermals am Beispiel Rimbauds, auf den letzten Seiten so dar: "Die übrigen Dichter, von denen hier die Rede gewesen ist, waren in der Welt des 19. Jahrhunderts ebensowenig zu Hause wie Rimbaud und meistens waren sie von den herrschenden Vorlieben genauso enttäuscht; aber sie verblieben in jener Welt und behielten darin ihren Platz, indem sie – geduldigen Weichtieren gleich – schillernde Muscheln der Literatur absonderten, während Rimbaud, dessen Genius dem jedes anderen ebenbürtig, dessen Genius vielleicht sogar dem jedes anderen überlegen war, Europa völlig verwarf, nicht nur Europas Gesellschaft und Ideen verwarf, sondern auch die Art von Sensibilität, die man pflegte, wenn man unversöhnt mit dieser Gesellschaft zu leben versuchte."

Bemerkenswert, wie immer bei Wilson, sind die penible Lektüre und die Treffsicherheit, mit der er einen Autor, ein Buch oder, im Fall von Yeats und Eliot, ein paar Verse, ins Licht rückt. Der Bücherwurm und der Gefühlssozialist stehen sich in keiner Weise im Weg. Wilson, so sieht es aus, gibt sich als jemand, der anderen Rechenschaft schuldig ist: daher die ebenso souveränen wie präzis gearbeiteten Inhaltsangaben, sei es des "Ulysses", sei es der "Recherche". Nicht nur in diesem Band spricht er zu einem Leser, den er als solchen erst erziehen will, nach seinem eigenen Ebenbild womöglich, was das Schlechteste nicht ist. Die Zuverlässigkeit, mit der er sein Material handhabt und eine Exposition zu schreiben weiß, haben eher zu seiner Autorität beigetragen als die Macht, die er zu Lebzeiten wahrscheinlich ausübte. Mißbraucht hat. er sie nie. Das zeigen nicht zuletzt seine Befunde, die, betont subjektiv formuliert und im Übermaß von Begründungen samt Beispielen durchsetzt, selten von der Hand zu weisen sind.

(Ullstein Materialien 35050, Ullstein Verlag, Frankfurt/Berlin, 1980; 220 S., 9,80 DM.)

Hans Platschek