Der Gedanke ist genial einfach. Er könnte von einem Klempner stammen, der mit meterlangen Drähten verstopfte Abflüsse säubert. Doch die verstopften Rohre, um die es hier geht, liegen im Körper von Menschen: In ihnen fließt Blut,

Es dauerte lange, bis Mediziner auf die Idee kamen, verstopfte Adern mit den Methoden eines Klempners zu öffnen. Seitdem ein Arzt, eher aus Ungeschicklichkeit denn aus Genialität, darauf kam, vergingen mehr als 15 Jahre, bevor die Methode Verbreitung fand. Es war ein mühseliger Weg für die dünnen, flexiblen Schläuche, Katheter genannt. Doch jetzt scheinen sie sich einen Stammplatz auch bei der Behandlung von Krankheiten erobert zu haben.

In der Diagnose sind Katheter längst alltägliche Hilfsmittel. Die Grundlage dafür schuf der deutsche Chirurg Werner Forßmann vor 51 Jahren in einem klammheimlichen Selbstversuch. Gegen das ausdrückliche Verbot seines Chefs schob er sich im Keller seiner Klinik seinen Katheter vom linken Arm bis in die rechte Herzkammer. 1956 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Es war allerdings keine heroische Pioniertat, sondern eher ein Versehen, als der amerikanische Radiologe Charles Dotter einen Katheter zum ersten Mal auch zur Behandlung einer Krankheit benutzte. Er hatte bei der Untersuchung einer verschlossenen Ader den Katheter zu weit vorgeschoben. Als er ihn erschreckt zurückzog, blieb der unfreiwillig gebohrte Kanal offen, das Blut begann wieder zu fließen. Dotter hatte damit aber nicht nur eine Ader geöffnet, sondern auch ein neues Kapitel der Medizingeschichte aufgeschlagen. Neben Operation und Medikament steht nun den Ärzten ein dritter Weg offen, um in das Geschehen einer Krankheit einzugreifen: der Weg durch die Adern mit Hilfe des Katheters.

Dotter entwickelte auch einen speziellen Katheter, der sich wie ein Teleskoprohr durch die Ablagerungen in den Adern bohrt. Dennoch geriet seine 1964 erstmals publizierte Methode fast in Vergessenheit, hätten sie nicht die Professoren Eberhard Zeitler und Werner Schoop in der Aggertal-Klinik in Engelskirchen übernommen. Sie sammelten viele gute Erfahrungen und publizierten sie eifrig in der Fachliteratur, daß sich das „Dottern“, wie die Methode genannt wird, zu einem Routineverfahren entwickeln konnte.

Der Blutpfropf-Bohrer des Radiologen Dotter ist zwar gut für Raucherbeine oder andere Gefäßverschlüsse in Armen und Beinen. An die Blutablagerungen in den Adern der am meisten gefährdeten Körperregionen aber wagte sich niemand heran. Erst vor vier Jahren öffneten Kardiologen am Universitätsspital Zürich zum ersten Mal eine nahezu verschlossene Herzkranzarterie mit einem Katheter und befreiten so den Patienten von seinen schmerzhaften Herzanfällen. Bis heute ist der damals 38jährige Mann beschwerdefrei, sein Herz wurde wieder normal belastbar.

Der Kardiologe Professor Andreas Grüntzig zog jetzt in der Zeitschrift Umschau in Wissenschaft und Technik Bilanz über die Erfolge des Katheters am Herzen. An 26 Kliniken in aller Welt, darunter auch die Universitätsklinik Frankfurt, wurden seit 1977 die verengten Koronararterien von 804 Patienten ohne Operation wieder geöffnet. In fast 35 Prozent der Fälle hatte der Eingriff Erfolg. Bei vier von fünf dieser Patienten ließen Herzanfälle und Schmerzen nach, die Angina pectoris ging deutlich zurück.