Von Hans Cornelius

Der Pfarrer von Lima ist ein freundlicher Herr. Die kleinen Kostbarkeiten seiner Kirche, die irgendwann um das 10. oder 11. Jahrhundert erbaut und der Santa Maria del Puig geweiht wurde, zeigt er Freunden und Fremden gern vor. Das kostbarste Stück seiner Sammlung hat er in einer Vitrine unter Glas gestellt: einen frühromanischen Christus. Aber diese Kirche hat noch eine andere Besonderheit zu bieten, die man nicht unter Glas besichtigen kann: Sie war Schauplatz eines historischen und folgenreichen Treffens.

Llívia, die spanische Stadt irgendwo in den Pyrenäen, ist nämlich rundum von französischem Gebiet umgeben, sie ist eine Enklave. Wer also von Spanien nach Spanien will, muß praktisch zweimal die französische Grenze passieren. Jedenfalls war das früher einmal so, bis sich dann Franzosen und Spanier an ein Tisch setzten, diesem Kuriosum ein Ende bereiteten und eine nur von Touristen und spanischen Staatsbürgern benutzbare Transitstraße zur Enklave vereinbarten. Aber – so fragt man sich – wie kam es denn überhaupt zu diesem seltsamen staatspolitischen Gebilde?

Der Pfarrer wird gebeten, Klarheit zu schaffen und das Rätsel zu lösen. Wahrscheinlich zum tausendsten Mal. Er muß lachen und mag wohl überlegen, wie oft in seinem langen Priesterleben er diese Frage schon beantworten mußte.

Irgendwann im Mittelalter hatten sich Franzosen und Spanier in die Wolle gekriegt. Sie schlugen sich, vertrugen sich später wieder und handelten einen Friedensvertrag aus. Er ging als "Tratado de los Pirineos" in die Geschichtsbücher der beiden Völker ein. Doch kaum war der Federkiel trocken, gab’s erneuten Ärger mit den Untertanen. Die Leute von Llívia, mit Hab und Gut, Kirche und Mauern der französischen Krone zugeordnet, waren mit diesem historischen Kuhhandel keineswegs einverstanden. Mit Recht, wie sie meinten. Denn – so ihr Argument – in besagtem "Tratado" sei zwar davon die Rede, daß die 33 "pueblos" (Dörfer) der Cerdanya an Frankreich abzutreten seien; aber erstens stünde in dem Vertrag nicht, um welche 33 pueblcs es sich hierbei handle, und zweitens sei Lima sowieso kein Dorf, sondern eine "villa", und dies hieße nach spanischer Sprachregelung soviel wie Stadt. Punktum: Wenn Spanien schon etwas abzutreten habe, dann 33 Dörfer; sie als Städter blieben jedenfalls ihrem König von Spanien treu und verbunden.

Von so viel bäuerlicher Schläue und Logik beeindruckt, schauten die spanischen wie französischen Diplomaten zunächst verdutzt, dann auf den Vertragstext und verabredeten eine Orts-, nein Stadtbesichtigung. Und just in erwähnter Pfarrkirche kam es am 12. November 1660 zu einem ebenso berühmten wie historischen Treffen, bei dem den Leuten von Lima zugestanden wurde, sich für den endgültigen und ewiglich währenden Verbleib bei Spanien zu entscheiden. So wurde Lima zur Enklave.

Aber es gibt noch mehr Merkwürdiges in diesem ganz und gar spanischen Ort. Und der Pfarrer weist den Besucher gerne darauf hin. Llívia, obwohl Stadt, wie man seit 1660 weiß, hat weder einen Arzt noch eine funktionierende Apotheke; und so kommen Arzt und Arznei immer über die Transitstraße vom benachbarten Spanien angereist. Und dennoch besitzt Lima die älteste Apotheke Europas, nämlich die "Farmacia Esteva".