Ein erstaunlicher Kontrast! Fast zur gleichen Zeit, da eine Welle von Demonstrationen über die Bundesrepublik hinwegrollte, die den bayerischen Ministerpräsidenten Strauß zum Vergleich mit der "Endphase der Weimarer Republik" veranlaßte, machte Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem Kongreß "Kant in unserer Zeit" in kühl-akademischer Umgebung "Bemerkungen zu Moral, Pflicht und Verantwortung des Politikers". Und wo am Wochenende auf der Straße und in manchen Amtsstuben die Emotion herrschte, hielt der Kanzler ein Plädoyer für abwägende politische Vernunft. Es war fast eine Bitte um Verständnis für die Entscheidungs- und Erklärungsschwierigkeiten moderner Politik.

Ein typischer Vorgang? Viele sehen es so, und viele sehen es kritisch, rechts wie links: Der Kanzler müsse in Alexander-Manier den Knoten der Probleme durchhauen, entschlossener vorangehen bei der Entscheidung über Kernenergie und Nachrüstung, bei der demonstrativen Wiederherstellung der gewohnten öffentlichen Ordnung oder entschiedener Widerstand gegen solche Versuche leisten, jedenfalls so oder so das Verständnis von Staat und Gesellschaft deutlicher machen. Politische Führung sei notwendig, geistige Führung gefordert.

Der Kanzler erweist sich gegenüber solchen Zumutungen ungewöhnlich spröde. Die Ursachen dafür sind mannigfacher Art: hanseatisches Naturell, dem herzwärmendes politisches Pathos nicht zu Gebote steht; die traumatische Erfahrung der Hitlerzeit, in der die Politik geistige Führung usurpiert hatte; ein jahrelanger Umgang mit dornigen Problemen, die keine einfachen Lösungen zulassen. Die Erfahrung des Kanzlers, wie schmal der politische Spielraum geworden ist, zählt dazu; die Erkenntnis auch, daß lauter Bekennermut das politische Geschäft oft erschwert.

Sehr viel davon ist sympathisch oder doch verständlich. Etwa daß Schmidt sich dagegen wehrt, zum "Vorphilosophierer" zu werden, daß er es fast als Neubelebung des Obrigkeitsdenkens empfindet, wenn er nicht nur für eine ordentliche Politik, sondern für Sinnstiftung in Anspruch genommen wird. Oder wenn es ihn ärgert, daß er bei seiner Rede in der Haushaltsdebatte ein ziemlich genaues Bild der Regierungspolitik, ihrer Ziele und Handlungsmargen lieferte, aber dies ohne erkennbare Reaktion hingenommen wurde – außer eben der, es mangele an Führung.

Der Begriffsstreit, was denn nun eigentlich Führung sei, ob geistige Führung gefragt sei, erbringt nicht sehr viel. Konrad Adenauer hat den Anspruch auf geistige Führung nie erhoben, gleichwohl hat er das geistige Klima dieser Republik gewaltig beeinflußt, in Zustimmung und Widerspruch. Willy Brandt hat gewiß mehr als Adenauer sich im Umfeld von Schriftstellern und Professoren bewegt, aber seine Wirkung beruhte darauf, daß er, ebenso wie Adenauer, der Geburtshelfer einer Politik war, die weithin als notwendig und richtig empfunden wurde. Und beide haben es vermocht, ihre Politik in einfachen Handlungsalternativen sichtbar zu machen.

Ihnen gegenüber wirkt Schmidt merkwürdig unentschieden. Wer seine Bemerkungen auf dem Kant-Kongreß am letzten Wochenende nachliest, findet eine ganze Serie von Einerseits-Andererseiseits-Erklärungen: Kernenergie, aber nicht ohne Wenn und Aber, Gleichgewicht und Abrüstungsverhandlungen, Offenheit und Festigkeit gegenüber dem neuen Protest der Jugend. Kritik läßt sich da leicht formulieren: Es bestehe die Gefahr, daß der Regierungschef zum wortreichen Erklärer dessen werde, was ohnehin geschieht; das Bedürfnis nach Orientierung werde nicht befriedigt; der Staatsmann entziehe sich so in eine nicht mehr nachprüfbare Verantwortungsethik.

Der Zwang zur Illusion