Sehenswertes

"Der König und der Vogel" von Paul Grimault, der mehr als ein Vierteljahrhundert Arbeit (und Erfahrung) in diesen Zeichentrickfilm steckte. Von 1946 bis 1950 arbeitete er mit dem Dichter und Drehbuchautor Jacques Prévert ("Drôle de drame", "Die Kinder des Olymp") an einer Filmversion von Hans Christian Andersens Märchen "Die Hirtin und der Schornsteinfeger". 1953 brachte der Produzent den Film in einer von ihnen, nicht autorisierten Fassung heraus, und erst dreizehn Jahre später konnte Grimault die Rechte und das Negativ zurückerwerben und zusammen mit Prévert mit einer neuen Version beginnen. Sie wurde 1979, zwei Jahre nach Preverts Tod, fertiggestellt und mit einem der renommiertesten französischen Kinopreis, dem Prix Louis Delluc, ausgezeichnet. Zwar sind vierzig Minuten des alten Films übernommen worden, doch "Le Roi et l’oiseau" ist weder Remake noch Restauration, sondern ein völlig neuer Film. Poetisch und realistisch: eine poetische Paraphrase des Andersen-Märchens (von dem nur die beiden Hauptfiguren der Schäferin und des Schornsteinfegers beibehalten wurden), die in präzisen Details Realitätserfahrungen vergangener Jahrzehnte enthält. Wie Grimault das unter- und oberirdische Schloß des Königs Takicardie zusammengesetzt hat als perfid-perverses Wunder-Irr-Werk aus New York und Neuschwanstein, Prag und Venedig (mit Hängegärten und Seufzerbrücken, Kathedralen und Katakomben, Pagoden und Wolkenkratzern) – so zeitbezogen-zeitlos ist auch sein Figurenarsenal. Die verfolgten Liebenden scheinen geradewegs naiven Märchenbuchillustrationen entsprungen zu sein; der despotische König, mit spitzem Schnurrbart und stechenden Schielaugen, entstammt der Tradition französischer Karikaturisten. Und der Gegenspieler des Tyrannen und Erzähler der Geschichte, ein buntschillernder Vogel, ist eine Tex-Avery-Figur: demagogischer Witzbold, pittoresker Parasit und guter Geist der Liebenden. "Der König und der Vogel" ist ein exquisiter, phantasievoller und poetischer Zeichentrickfilm; zugleich melancholisches Märchen, rührende Liebesgeschichte und sarkastische Parabel voll politischer Assoziationen. Wie es der Kritiker der französischen Wochenzeitung L’Express treffend charakterisierte: "Ein wunderbares, zärtliches und grausames Plädoyer für eine glückliche Anarchie." (Das reich illustrierte Buch zum Film erschien gerade im Insel Verlag: 79 Seiten, 14,80 DM.)

Helmut W. Banz

Beachtlich

"Malou" von Jeanine Meerapfel. Die Mutter Französin, der Vater deutscher Jude, in Holland geboren, aufgewachsen in Argentinien und nun in Berlin wohnhaft und nicht zu Hause – die Hannah (Grischa Huber) dieses Films teilt ihr dépaysement mit der Regisseurin (und mit Millionen). Sie wünscht sich "Heimat": einen Ort und einen Mann, zu dem sie gehört. Aber als moderne Frau weiß sie nicht, ob sie sich solchen Wunsch leisten darf – schließlich wird ihrer Generation Selbständigkeit so imperativ gepredigt wie früheren Heimchenhaftigkeit. Zudem hat sie ein warnendes Beispiel vor Augen: ihre Mutter Malou (Ingrid Caven), die ihre Heimat für einen Mann aufgab und sich ihm so bedingungslos anvertraute, daß sie seelisch und körperlich zerbrach, als der sie in der argentinischen Emigration verließ. Der Film verfährt wie die Psychoanalyse: Die Tochter steigt in die Vergangenheit und holt das Leben der Mutter und mit der Mutter herauf, um ihrem heutigen Zwiespalt besser gewachsen zu sein. Es scheint zu nützen. Aber wenn der Zuschauer auch nicht versteht, was genau das Stabilisierende an einen solchen Vergegenwärtigung ist – die Hauptfigur ist nicht die Tochter, die ein Problem "hat", sondern die ferne und fremdartige Malou, die nichts von ihrem Problem wußte und daran zugrunde ging. Ein zerbrechliches Zierpüppchen wird zerbrochen, auch ihr unvermuteter Schuß Derbheit hilft ihr da nicht. Es ist ein kleiner, leiser, warmer Film, höchstens an einer gewissen Zaghaftigkeit als Debütfilm zu erkennen. Dieter E. Zimmer

Rührselig

"Nashville Lady" von Michael Apted, einem Engländer in Hollywood. Der Film, gedreht nach der Autobiographie der Sängerin Loretta Lynn ("Coal miner’s daughter"), beginnt, wie andere, ähnlich rührselige nicht beginnen: Mit ruhigen, auch Nuancen beachtenden, rührenden Blicken auf die Welt, in die hinein seine Geschichte entsteht. Die Berge von Kentucky, USA, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: das sind hügelige Landschaften, Wälder und Kohlenbergwerke, schlammige Straßen und kleine Holzhäuser. Wie in dieser Umgebung eine vielköpfige Bergarbeiterfamilie ihren Alltag meistert, wie die Normen und Gewohnheiten dieser Familie das Leben eines jungen Mädchens bestimmen und wie die rothaarige, sommersprossige Sissy Spacek dieses Mädchen ist – davon handelt "Nashville Lady", anfangs. Und auch davon, daß sie eines Tages, über andere Männer hinweg, einen Mann in einem roten Jeep anblickt. Er ist gerade aus der weiten Welt des Krieges zurück nach Kentucky gekommen. Ein einziger Blick. Wo die Liebe ein Schicksal ist, da genügt das. Nach diesem Blick stakst die Spacek durch ihre Welt, als sei die amerikanische Provinz ein Ort des Himmels und der Hölle zugleich. Danach erzählt der Film noch andere Geschichten, sehr rührselige Geschichten, jede einzelne von ihnen würde eigentlich für einen ganzen Film genügen. Später erzählt er auch noch, daß selbst ein singendes Mädchen aus den Bergen in Kentucky zur First Lady der Country Music aufsteigen kann. Aber da bebildern die Bilder nur noch, und die Töne produzieren nur noch den Nashville Sound. Norbert Grob