Moskauer Komplimente haben Frankreichs Präsident Giscard d’Estaing in Verlegenheit gebracht Seine Gegner halten ihm nun vor, er sei zu nachsichtig gegenüber der sowjetischen Politik gewesen.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing in den nächsten Tagen oder Wochen Besuch vom sowjetischen Botschafter in Paris bekäme. Wenn in Frankreich wichtige Wahlen anstehen, dann zeigt Moskau nämlich in der Regel, wem seine Gunst gehört. Im April 1974, als der damalige Wirtschafts- und Finanzminister Giscard zum erstenmal für das höchste Amt im Staate kandidierte, machte ihm der russische Botschafter demonstrativ seine Aufwartung – zur Verärgerung von François Mitterand, der für die gesamte Linke kandidierte.

Diemal konnte Giscard die Liebesgrüße aus Moskau in der Prawda lesen. Er habe, so hieß es in einem Korrespondentenbericht, "eine persönliche Autorität als vorsichtiger und besonnener Politiker erworben, besonders in der internationalen Arena, wo Frankreichs Positionen sich in den letzten Jahren gefestigt haben".

Für Giscard sind die russischen Komplimente eine zweifelhafte Sache. Er kann sich zwar rühmen, der Kreml nehme Frankreich unter Giscard ernster denn je. Doch seine Gegner haben nun ein Argument mehr, wenn sie ihm eine zu nachsichtige Politik gegenüber der Sowjetunion vorhalten, besonders nach der Invasion in Afghanistan.

Peinlich ist der Artikel in der Prawda für den kommunistischen Präsidentschaftskandidaten Georges Marchais. Seine Vorschläge werden zwar als "konkret und präzise" gerühmt, doch das ändert nichts an dem Eindruck, daß Moskau den konserativen Giscard vorzieht. Das Politbüro der KPF sah sich gezwungen, eindeutig gegenzusteuern: "Der Prawda-Artikel gibt Urteile ab, die wir nicht teilen."

Der einzige, der sich zufrieden die Hände reibt, ist der sozialistische Bewerber François Mitterrand: Er hält Giscard das Lob aus Moskau vor und rühmt sich des harten Tadels, den er einstecken mußte. Ihm paßt nichts besser ins Konzept als das Image des Mannes, der Moskau gegenüber hart bleibt.

Klaus-Peter Schmid (Paris)