Anfang März fand in Tutzing ein wissenschaftliches Symposion statt, an dem Amerikaner und Deutsche teilnahmen. Eingeladen hatte das Institut für die Strafrechtswissenschaften der Universität München. Das Thema der Tagung hieß: Strafverfolgung, Prävention und Opferbetreuung im Lichte amerikanischer und deutscher Erfahrungen."

Weitgehend war die Tagung jedoch von der aktuellen Auseinandersetzung bestimmt, ob die Polizei bei Strafverfolgung Ermessen, Zurückhaltung, Vernunft, Milde, Verhältnismäßigkeit walten lassen darf.

Das deutsche Recht, der Grundsatz der Legalität, verbietet "eigentlich" der Polizei solche autonome Handhabung der Gesetze. "Herr des Strafverfahrens" und Monopolist der Vernunft soll – in einem späteren Stadium jedes Strafverfahrens – nur die Staatsanwaltschaft sein.

Aus amerikanischer Perspektive finde ich dieses Gespräch unglaublich!", dröhnte der Harvard-Professor Mark Moore ins Tagungsmikrophon. "Ich bin perplex! Sie können doch nicht jede Straftat ins Gesetz bringen!"

Und Richard Brzeczek, Polizeipräsident in Chicago, rief: "Wir haben Myriaden von gesetzwidrigen Zwischenfällen täglich. Wir können – aber keinen pawlowschen Polizisten gebrauchen, der reflexhaft, automatisch reagiert, wenn die Glocke läutet. Die Polizei muß verantwortliches Ermessen ausüben."

Einige Minuten später brummte der Deutsche amerikaner Heinz Rudolf Anton Hink, Kriminologieprofessor in Arizona: "Sie betonen so stark die Heiligkeit Ihres Rechtsstaates, daß es Ihnen nicht aufgeht, daß wir hier ein liberales. Werkzeug anbieten. Sie halten sich krampfhaft an der Gewaltenteilung und dem Legalitätsprinzip fest!"