Die Damen und Herren Künstler und Kommissare hätten sich eigentlich, wie man so sagt, die Klinke in die Hand geben müssen, zumindest beim Einpacken und Auspacken der Kunstwerke behilflich sein können: Im "Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris" ging am 8. März die Ausstellung "Art Allemagne Aujourd’hui" (westdeutsch) zu Ende und fing am 12. März die Ausstellung "Peinture et Gravüre en République Democratique Allemande" (ostdeutsch) an. Daß es zu dieser Nachbarschaftshilfe nicht kam und auch die beiden Kataloge in keine gesamtdeutsche Kassette oder Tragetasche passen, hat bekannte Gründe. Aber so vorbildlich sichtbar wie hier in Paris und am Beispiel Kunst sind die antipodischen Ideologien und Banalitäten der beiden Deutschlands schon lange nicht mehr sichtbar geworden.

Die Ausstellung West wurde von der Bundesrepublik finanziert, aber quasi privat ausgewählt und verantwortet: vom Berliner Ex-Galeristen René Block und der Museumsleiterin Suzanne Page: fünfzig Künstler mit rund doppelt so vielen Arbeiten, bekannte und unbekannte, einerseits erklärtermaßen auf die Zeit der siebziger Jahre konzentriert, andererseits Vater Beuys und andere altvordere Vorlieben und Freunde der Veranstalter mit von der Partie. In dieser ersten Ausstellung zeitgenössischer deutscher Kunst nach dem Krieg in Frankreich verzichtete man also bewußt auf die frühe Zero-Avantgarde mit Mack, Piene, Uecker, auf großartige Maler wie Graubner und Klapheck, auf den Einzelgänger Antes, auf Gerz und Fruhtrunk (weil sie ohnehin in Paris leben!). Das war so hochmütig wie töricht und wurde auch dadurch nicht besser, daß René Block im Katalog einen "fleuve caché de l’art allemand" zeichnete und Suzanne Page gleich im ersten Katalog-Satz zugab, man habe gar nicht vor, ein umfassendes Panorama zu zeigen. Wenn die Bundesrepublik sich in einem solchen Zusammenhang mit einer solchen Präambel präsentiert und es sich dabei nicht um eine captatio benevolentiae handelt, sondern um die nackte Wahrheit, dann ist das eine Katastrophe, weil eine mutwillig vertane Chance. "Eine schlechte Unendlichkeit" nannte Werner Spies die Ausstellung.

Die DDR-Kunst, vom staatlich approbierten, jahrzehntelang regimebewährten Kritiker und Kommissar Lothar Lang ausgewählt und kommentiert, tritt da jetzt anders auf. Man greift verbal zurück in die gemeinsame, wenn auch mit Alleinvertreteranspruch annektierte Vergangenheit und präsentiert sich realiter bis zurück in die frühen sechziger Jahre, man tönt vom Weltniveau und der eigenen Fortschrittlichkeit, man verheißt charakteristische Werke und zeigt sie auch. Zum großen, antipodischen Auftakt sind die intellektuell verschlüsselten, altmeisterlich preziösen Bilder von Werner Tübke gegen die expressiven, mit. einfachen Botschaften geladenen und auch überladenen Bilder von Bernd Heisig gesetzt. Natürlich kann die Ausstellung diesen Anspruch, der hier auch ganz bewußt gegen die böse kapitalistische Mär von Zensur und Gleichmacherei gestellt ist, nicht durchhalten, sie eliminiert Experimente und versandet zum Schluß in mutloser Idylle und halbherziger Abstraktion. Aber immerhin entsteht hier ein Eindruck vom Stand der Kunst in der DDR (einschließlich eines kleinen Kabinetts mit Zeichnungen von Gerhard Altenbourg, der lange Jahre eher im Untergrund arbeitete als an der Oberfläche nationaler Ausstellungen), und diese Mitteilung wird in einem knappen, übersichtlichen Katalog entsprechend gestützt.

Der westdeutsche Katalog, eine von jenen wirren Monumental-Dokumentationen, die einem wenig mehr als ein müdes Handgelenk einbringen, enthält auf der vorletzten Seite den Vermerk, daß die Beiträge lediglich die Meinung der Autoren widerspiegeln. Das war zu hoffen. Es fragt sich wiederum nur, wie ein solches Privatzirkular in den Stand eines staatlich subventionierten Nationalkatalogs im internationalen Zusammenhang kam.

Hier die privatistische, dort die staatlich gelenkte Unduldsamkeit, hier unter dem Motto, immer mit der Nase im Wind zu sein, dort unter der Fahne des sozialistischen Fortschritts, hier wie dort mißbrauchte Verantwortung, Zum Schaden der Kunst. Geteiltes Leid ist doppeltes Leid, die beiden Deutschlands in Paris sind für Deutsche kein Anlaß zum Fröhlichsein. Petra Kipphoff