Von Klaus Pokatzky

Eine Woche lang hat Klaus Pokatzky in dem besetzten Haus Kottbusser Straße 8 in Berlin-Kreuzberg gewohnt. Aus vielen Gesprächen mit Hausbesetzern und ihren Sympathisanten hat er ein Protokoll verfaßt,

Am Anfang haben ja vor allem Leute besetzt, die das echt nötig hatten, die wirklich kein Dach über dem Kopf hatten oder unheimlich beschissen wohnen mußten. Jetzt sind die Leute dran, die bisher in Wohngemeinschaften gewohnt haben und deren WG’s jetzt geschlossen bei Hausbesetzungen mitmachen. Oder Leute, die schon mit anderen in ’ne WG ziehen wollten, aber nie eine gute Wohnung gekriegt haben.

Und frag mal einen Punk, ob der eine eigene Wohnung oder auch nur ein anständiges Zimmer kriegt. Jetzt in der zweiten Phase sind die Leute dran, die durch Hausbesetzungen einen anderen Lebensstil verwirklichen wollen. Also als Wohngemeinschaft nicht mit irgendwelchen Spießern in einem Haus wohnen, die dauernd Zoff machen, wenn du mal ’ne Fete feierst, oder mit Vermietern, die die Polizei rufen, wenn du mal ein paar Leute ein oder zwei Wochen bei dir übernachten läßt, und die dann behaupten, du hättest aus ihrer schönsten Wohnung ein Obdachlosenasyl gemacht. Sondern als Wohngemeinschaft mit anderen Wohngemeinschaften und mit einzelnen Leuten in einem ganzen Haus wohnen, wo alle gut drauf sind.

Oder als jemand, der immer allein gewohnt hat und total vereinsamt war, jetzt in so einer richtigen Hausgemeinschaft leben, wo du irgendwie ’ne Wärme empfindest, so richtig Heimat in der Stadt; wo du an lauter Türen vorbeikommst, wo du weißt, hier wohnt nicht der Spießer soundso, der immer über dich meckert und dessen Frau über dich tratscht, weil du irgendwie komisch gekleidet herumläufst oder kiffst, was die nicht schnallen, sondern da wohnt der soundso, ’ne türkische Familie, die gut drauf ist, oder ’ne dufte WG oder irgendwelche anderen duften Leute – und das sind alles welche, die du eben wirklich kennst, wo du dir mal was zu essen leihen kannst, wenn die Läden zu haben, und mit denen du dich Samstag nachmittag auch auf den Hinterhof zum Quatschen zusammensetzt und mit denen du gemeinsam was im Haus machst.

Zum Teil lernst du die, mit denen du zusammen besetzt, erst bei den Vorbereitungstreffen für die Besetzung kennen. Du kannst auch schon Wochen in ’nem besetzten Haus wohnen, ohne alle anderen Leute richtig zu kennen. Manchmal besteht so ’ne Gruppe natürlich auch aus Leuten, die vorher schon unheimlich viel zusammen gemacht haben, politisch oder sonstwas. Und manchmal entsteht die Idee dazu auch irgendwo in ’ner Kneipe. Man quatscht rum und redet natürlich auch über den Häuserkampf, dann sagt auf einmal einer, daß er ganz gern auch mal würde, und dann gibt es plötzlich so halbernst Besetzungspläne, die am Tresen entstehen.

Der ideologische Überbau