Wir kommen mit dem Auto aus England. Die Reste von Hadrians Wall, den die Römer bauten, um die wilden Pikten aus ihrem Hoheitsgebiet zu halten, liegen hinter uns. "Borders, Roxburghshire" steht auf dem Wegweiser. Wir sind in Schottland. Rechts ziehen die fast baumlosen Cheviot Hills vorbei, eine Kette grünbrauner Bergrücken reiht sich an die andere. Die sind das Revier des Ferniehirst-Reitstalls.

John und Beryl Tough begrüßen uns stolz in ihrem neuen Haus neben den Stallungen. Von dem gemütlichen Aufenthaltsraum mit offenem Feuer, bequemen Sesseln und einem einladenden Barschrank, wo sich abends die Reiter von den Strapazen des Tages erholen, sieht man auf ein pittoreskes Forellenflüßchen.

Ferniehirst Stables ist nichts für Anfänger. Die großen, gut gepflegten, fünfzehn Pferde sind kundige Reiter gewöhnt. Erfahrung im Hürdenspringen ist nützlich, aber nicht notwendig. Die zähen einheimischen Pferde sind an natürliche Hindernisse wie Graben, Wassertümpel und Baumstämme gewöhnt. Sie kennen ihr Metier. "Nie, nie", sagt John, "überholt jemand das führende Pferd, also Carita oder Likely Lad." Der kleine, drahtige Reitstallbesitzer weiß, was er will, schließlich trägt er die Verantwortung für seine Gäste. Er, seine Frau oder Carrie, "head girl" seit vier Jahren, führen den "Cheviot Trail Ride" an. Es wird scharf zugeritten, es geht lange Strecken in flottem Trab und im Cantergalopp, bei, so heißt es: "Schottlands einziger Reittour für erfahrene, erwachsene Reiter."

Sonntag abend ist Anreise-, Samstag morgen Abreisetag, es sei denn, der Feriengast möchte von Ferniehirst Mill Lodge aus die ungezählten Sehenswürdigkeiten der Borders entdecken, den Spuren von Maria Stuart und Sir Walter Scott folgen.

Janice, die "kennel maid", füttert die Pferde, und John beschlägt sie höchstpersönlich. Gäste müssen ihre Pferde nicht selber warten, aber John sieht es gern, wenn sie Freude und Arbeit teilen. Es wird vier bis fünf Stunden am Tag – um die 40 Kilometer – geritten; die Tiere bleiben am Abend in Bergfarmen, die müden Reiter werden mit einem Landrover abgeholt und am nächsten Morgen zurückgebracht.

So wechselt von Tag zu Tag das Landschaftsbild. Licht- und Farbeffekte sind unvergleichbar. Meilenweit könnte man glauben, die Welt habe sich seit Hunderten von Jahren nicht verändert, nur zu Fuß oder auf dem Pferderücken sind die Ziele zu erreichen. Auf mit Mauern eingefaßten Feldern weiden Schafe, Bussarde umkreisen neugierig die Gruppe.

Im April stecken die Wald- und Wiesenblümchen schüchtern ihre Köpfe aus der Erde, Lämmer tapsen über sie hinweg; im Mai und Juni leuchtet der Ginster golden, Ende Juli/August beginnt die Heide zu blühen, und im Herbst werden die Farne goldbraun und die Blätter bunt. Ein Revier für Reitersleut’ mit Freude an stiller, unverfälschter Natur. Julie Stewart