In Teheran herrscht Kriegszustand zwischen Präsident Bani-Sadr und den Mullahs. Ajatollah Chomeini hat ein Machtwort gesprochen, kann aber die Kontrahenten nicht auf eine Linie bringen.

Zwei Wochen lang hat Ajatollah Chomeini dem bitteren Machtkampf in Teheran zugesehen. Dann beorderte der greise Revolutionsführer die Kontrahenten zu sich, um ihre Streitigkeiten zu schlichten. Doch mit seinem Vorschlag läßt sich die innenpolitische Krise kaum lösen; der Gegensatz zwischen dem gemäßigten Präsidenten Bani-Sadr und den religiosen Fundamentalisten der Islamisch-Republikanischen Partei wird nur institutionalisiert: In einem Dreiergremien "aus einem Vertreter des Staatspräsidenten und einem von der anderen Seite und einem von mir" sollen die Probleme des Iran künftig per Mehrheitsbeschluß entschieden werden.

Neu an dieser Regelung ist, daß Chomeini sich wieder direkt in die Politik einschaltet. Das Votum seines Vertrauten gibt den Ausschlag, wenn Bani-Sadr und Ministerpräsident Radschaj einander wieder einmal paralysieren. Chomeini rügte im übrigen die feindlichen Parteien wie ungelehrige Schüler: Bani-Sadr, Radschaj, aber auch Parlamentspräsident Rafsandschani und Ajatollah Beheschti, dem obersten Richter des Landes, ist es bis Kriegsende untersagt, öffentliche Reden zu halten,

In den vergangenen Monaten unterstützte Chomeini gewöhnlich jene Fraktion, die gerade in der Defensive war. Momentan hat Präsident Bani-Sadr Unterstützung nötig. Er ist nach einer turbulenten Gedenkveranstaltung für Mohamed Mossadegh – den vom amerikanischen Geheimdienst 1952 gestürzten Ministerpräsidenten – in der Teheraner Universität unter Druck geraten. Bei der Veranstaltung war der Präsident ständig unterbrochen worden; schließlich forderte er seine Anhänger auf, selber mit seinen Gegnern abzurechnen. Diese Selbstjustiz – es gab mindestens 45 Verletzte – löste die größte Machtprobe seit der Revolution vor zwei Jahren aus.

Für Ministerpräsident Radschaj gehört der Zwischenfall zu einer Verschwörung, mit der Amerika die Islamische Republik zerschlagen will. Bani-Sadr wird nun vorgeworfen, er sei "Komplize in einem großen Komplott", mit dem die Regierung geschwächt und gestürzt werden soll. Der Präsident antwortete beleidigt in einem Zeitungsartikel, für ihn sei es keine Ehre, einer solchen Republik vorzustehen. Das wiederum nahm die Generalstaatsanwaltschaft zum Anlaß, ihm einen unzulässigen Angriff auf die Revolution vorzuwerfen. "Blutrichter" Chalchali erinnerte nachhaltig daran, daß der Präsident wegen Mißachtung der Verfassung angeklagt und abgesetzt werden, könne.

Selbst der Krieg mit dem Irak ist zu einer Funktion der Innenpolitik geworden. Die Fundamentalisten wollen versuchen, Bani-Sadr noch vor Kriegsende zu entmachten. Gewinnt Iran den Krieg gegen Irak, kehrt Bani-Sadr im Triumph nach Teheran zurück, denn er hat die Armee reorganisiert und befehligt sie.

Der Krieg hat Bani-Sadr populärer als die Mullahs gemacht. Doch nicht nur die Armee steht hinter ihm, sondern auch der Großteil derer, die von der Revolution enttäuscht sind: Intellektuelle, die von der Zensur betroffen sind; Studenten, weil sie von der Universität relegiert wurden; Kaufleute des Basar, nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Schriftgelehrten nichts von der Wirtschaftspolitik verstehen. Auch Mechdi Bazargan, erster Ministerpräsident nach dem Sturz des Schah, ergreift nun Partei für Bani-Sadr. Dazu kommen die islamisch-sozialistischen Volksmudjahidin, mit denen der Präsident ein stilles Bündnis eingegangen ist – eine ähnlich heterogene Koalition, wie jene, die den Schah vertrieben hat. Bani-Sadr ist der Volkstribun, der ihre Interessen gegen die Mullahs vertritt. Gerhard Spörl